Margit Bokor

HIER WIRKTE
MARGIT BOKOR
JG. 1909
SÄNGERIN
FLUCHT 1939
USA
Margit Bokor<br>Quelle: holocaustmusic.ort.org
Margit Bokor
Quelle: holocaustmusic.ort.org
Rosette Anday & Margit Bokor<br> Quelle: commons.wikimedia.org
Rosette Anday & Margit Bokor
Quelle: commons.wikimedia.org
Grab Margit Bokor (Wahl) und Eltern im Calvary Cemetery New York<br>Quelle: Calvary Cemetery NY
Grab Margit Bokor (Wahl) und Eltern im Calvary Cemetery New York
Quelle: Calvary Cemetery NY

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Margit BOKOR, geboren am 1. April 1900 (1909)1 in Losoncz (Lučenec), damals Ungarn, heute Slowakei, war eines von vier oder fünf Kindern des jüdischen Ehepaares Malvine, geborene Goldschmiedt, und Géza Wahl (Váhl), Beamter der ungarischen Eisenbahn.

Biografische Lücken lassen sich allmählich schließen. Recherchen ergaben, dass Margit BOKOR zum römisch-katholischen Glauben übertrat, heiratete und in ihrer Ehe mit Sándor Bokor ein Kind bekam: Vera Margit, geboren am 27. August 1920 in Budapest, die seit den Engagements ihrer Mutter in Deutschland bei ihrem Vater oder ihren Großeltern in Budapest lebte. Die Ehe der getrennt lebenden Partner wurde um 1938 in Budapest geschieden.

Gut dokumentiert ist hingegen die künstlerische Laufbahn der Opernsängerin Margit BOKOR nach Abschluss ihres Studiums an der Musikakademie in Budapest: Engagements von 1928 bis 1933 in Leipzig, Berlin und Dresden, von 1933 bis 1938 in Wien und Salzburg.

Ein bedeutsames Ereignis für Margit BOKOR war die Uraufführung der Oper Arabella von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal an der Dresdner Staatsoper am 1. Juli 1933, somit nach Adolf Hitlers Machtübernahme in Deutschland.

So geschah es, dass der Dresdner Operndirektor Fritz Busch, der die Rollen nicht nach »rassischen« Kriterien zu besetzen gedachte, aus seinem Amt verjagt wurde und in der Folge der Direktor der Wiener Staatsoper Clemens Krauss die Dresdner Uraufführung der Arabella leitete.

Beachtenswert ist ebenso, dass die Titelrolle in Dresden nicht wie vorgesehen Lotte LEHMANN sang, sondern Viorica Ursuleac, die Ehefrau des Wiener Operndirektors.

Rollenbesetzungen waren von politischer Brisanz, heutzutage schwer durchschaubar. So wurde etwa die Sopranistin Angela Kolniak, die keine Jüdin war, in der Arabella als »Zdenka« angekündigt, an ihrer Stelle sang jedoch – vermutlich wie vorgesehen – Margit BOKOR die Hosenrolle »Zdenka« mit Brillanz.

Sie musste, da sie als »Volljüdin« galt, nach der Uraufführung ihren Wirkungsort Dresden umgehend verlassen.

Margit BOKOR gehörte bereits im September 1933 zum Ensemble der Wiener Staatsoper und gab ihr Debüt als »Aithra« in der Oper Die ägyptische Helena von Richard Strauss.

Der Operndirektor Clemens Krauss begründete seine Besetzung mit den Worten:

… Ich glaube, durch dieses Engagement der Staatsoper eine Sängerin mit einem leichten, hohen Sopran in der Art der Frau [Maria] Rajdl gewonnen zu haben, die schon lange in unserem Ensemble gefehlt hat.
Neues Wiener Journal, 19. 9. 1933, S. 5

Im Sommer 1934 debütierte Margit BOKOR bei den Salzburger Festspielen: ein Debüt gleich in vier Opernrollen innerhalb von zwei Festwochen, am 13. August in der Titelrolle der Feen-Oper Oberon von Carl Maria von Weber, neu einstudiert von Bruno WALTER, choreografiert von Margarete WALLMANN – ein prominentes Leading Team.

Kritiker blickten überdies auf die Neubesetzung der Rollen, zum Beispiel auf die befreundeten Ungarinnen Rosette ANDAY als »Fatime« und Margit BOKOR als Elfenkönig »Oberon« (eine männliche Tenorrolle):

… In den übrigen Rollen treten uns neue Künstler entgegen; so vor allem der Oberon, der in Frau Bokor eine überaus anmutige, überzeugende Interpretin fand; das helle, klangvolle Organ, ihre Jünglingsstatur gibt dem Elfenkönig volle Glaubwürdigkeit und Poesie. […]
An Frau Anday ist die schwierige Fatime gefallen; sie bewies wieder ihre hohe Musikalität und Kultur des Vortrages.

Reichspost, 20. 8. 1934, S. 6

Erstaunlich ist allerdings die starke Präsenz der aus Deutschland vertriebenen Sopranistin Margit BOKOR, ihre Mitwirkung an acht Produktionen in den Festspielsommern 1934 bis 1937: als »Oberon« in der gleichnamigen Oper von Carl Maria von Weber, als »Amor« in Glucks Orfeo ed Euridice, als »Aithra« in Die ägyptische Helena, als »Aufseherin« in Elektra und als »Octavian« in Der Rosenkavalier von Richard Strauss, als »Cherubino« in Le Nozze di Figaro, als »Blonde« in Die Entführung aus dem Serail und als »Zerlina« in Don Giovanni von Mozart.

Beste Kritiken erhielt Margit BOKOR zuletzt für ihre »Zerlina« im italienischen Don Giovanni, dem »Haupt- und Glanzstück der Salzburger Festspiele«, unter der musikalischen Leitung von Bruno WALTER:

Mit Margit Bokor hat er [Karl Ettl als Masetto] eine stimmlich wie darstellerisch ausgezeichnete Zerlina zur Gegenspielerin.
Salzburger Chronik, 3. 8. 1937, S. 7

Es war Margit BOKORs letzter Festspielsommer. Sie wurde im März 1938 – ehe in Österreich die »Nürnberger Rassengesetze« in Kraft traten – aus der Wiener Staatsoper vertrieben.

Dann gastierte sie in Amsterdam, Brüssel und Antwerpen. Im Juli 1939 reiste sie mit ihrem Partner Paul Goldschmidt zu einem Gastspiel nach Rio de Janeiro, von dort nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in die USA: Ankunft am 11. November 1939 in New York, ihr letzter Lebens- und Wirkungsort.

Lebensverläufe von vertriebenen Künstlerinnen sind hinlänglich recherchiert. Ihre Familienmitglieder geraten dabei zumeist aus dem Blickfeld, obschon ihre Rettung ein vordringliches Anliegen war.

Margit BOKORs jüngster Bruder Albert Wahl lebte schon in New York. Er sorgte mit Erfolg für Schiffspassagen und Bürgschaften, da seine Eltern Malvine und Géza, seine Brüder Charles und Nicolas problemlos als »Hebrews« in die USA einreisen konnten, in New York am 9. September 1939 ankamen.

Lässt sich die Identität aller Familienmitglieder klären? Der Name Zoltan Wahl (geb. 1899) ist auf dem Shoah-Memorial in Paris verzeichnet. Ist es ein Bruder oder ein Cousin?

Geklärt werden konnte der Verbleib der 1920 geborenen Tochter der Margit BOKOR. Vera überstand die Terrorjahre in Europa und lebte in Paris. Sie wurde offensichtlich über die schwere Erkrankung ihrer Mutter informiert, da sie im Oktober 1949 nach New York reiste.

Margit BOKOR, zuletzt an der New York City Opera engagiert, starb 49-jährig am 9. November 1949 im New Yorker Krankenhaus Harkness Pavilion – »… former leading lyric soprano at the Viennese State Opera«, ist in einem Nachruf zu lesen.

Margit BOKOR wurde in New York auf dem Calvary Cemetery bestattet. Auf ihrem Grabstein mit den Lebensdaten »1900–1949« und einem Kreuz sind auch die Namen und Daten ihrer Eltern eingraviert: der 1946 verstorbene Vater Géza Wahl und die ein Jahr nach Margit BOKORs Tod verstorbene Mutter Malvine.

Margit BOKORs Tochter Vera blieb in den USA. Sie heiratete und starb 87-jährig im März 2008 in New York.

1 Daten laut Melderegister der Stadt Wien (Wiener Stadt- und Landesarchiv): Margit BOKOR, geboren am 1. April 1909 in Lučenec, zuletzt gemeldet in Wien 4, Prinz-Eugen-Straße 38, Hochparterre.
Das im Melderegister notierte Geburtsjahr 1909 ist offensichtlich falsch. Margit BOKOR, geboren am 1. April 1900, gemäß ihrem Reisepass, ausgestellt am 28. 6. 1937 in der ungarischen Botschaft in Wien.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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