Familie Bonyhadi Hoerstolperstein

HIER WOHNTE
DANIEL BONYHADI
JG. 1863
TOT VOR DEPORTATION
5.11.1939
Grabstein von Sarah Bonyhadi
Grabstein von Sarah Bonyhadi

Rainerstraße 4

Bonyhadi, Daniel Bonyhadi, Edgar Bonyhadi, Gertrude Bonyhadi, Ludwig Langer, Johann Pollak, Anna Rosenthal, Natalie

Daniel bonyhadi, geboren am 23. Dezember 1863 in Loipersdorf auf der Schütt (Csütörtök oder Stvrtok na Ostrove), im damaligen Komitat Pressburg (Pozsony oder Bratislava) des Königreichs Ungarn, war der zweite Sohn des jüdischen Ehepaares Netti Adelheid (oder Adel, Edel), geborene Perl, und Moses Moritz bonyhadi, die elf Kinder hatten, von denen sechs im Kindesalter an Diphtherie starben. Zwei Söhne des Ehepaares bonyhadi lebten seit den 1880er Jahren in Österreich: Salomon in Bruck an der Mur und in Graz, sein jüngerer Bruder Daniel in Klagenfurt und Salzburg, zuletzt beide Brüder in ihrem Fluchtort Wien-Leopoldstadt: ein Lebensbogen von knapp 80 Jahren.

Daniel bonyhadi und seine in St. Pölten geborene jüdische Ehefrau Klothilde, geborene Kronberger, die in Klagenfurt lebten, hatten fünf Kinder: Edgar, geboren am 23. Mai 1888, Manfred, geboren am 30. Juni 1889, Arthur, geboren am 27. November 1891, Oskar, geboren am 11. März 1893, und Melitta, das jüngste Kind, das am 23. April 1895 starb. Wenige Wochen davor, am 20. März 1895, starb ihre Mutter, Daniel bonyhadis Ehefrau Klothilde.

Ein Jahr danach, im März 1896, übersiedelten der Witwer und seine vier Söhne nach Salzburg. Im Oktober 1898 heiratete Daniel bonyhadi in Neudörfl (damals Ungarn, heute Burgenland) die 1864 in Strasburg (Westpreußen, heute Polen) geborene Jüdin Sarah Gross. Ihr Sohn Ludwig wurde am 30. November 1899, ihr Sohn Ernst am 14. Dezember 1901 und ihr Sohn Erwin am 8. Mai 1906 in Salzburg geboren. In diesen Jahren lebte auch Sarahs Mutter Rosalie Gross, Lehrerswitwe aus Westpreußen, bei ihrer Familie in Salzburg, zuletzt in Wien, wo sie im Oktober 1912 starb. Ihr Grab befindet sich in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs.

Die Familie bonyhadi, die nach altösterreichischem Recht seit 1910 in Salzburg heimatberechtigt und demnach gut situiert war, wohnte im noblen Andrä-Viertel, im »Faberhaus« Rainerstraße 4, 2. Etage. Der Familienvater war Lederhändler, dann Versicherungsinspektor und schließlich Generalagent der Viktoria zu Berlin, außerdem Obmann des jüdischen Kranken- und Beerdigungsvereines Chewra Kadischa sowie Tempelvorsteher und Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Am 7. Mai 1931 starb seine Ehefrau Sarah in Salzburg – das einzige Familienmitglied, dessen Grab sich auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen befindet.

Mittlerweile hatten Daniel bonyhadis Söhne Edgar, Arthur, Oskar, Ludwig und Erwin ihr Elternhaus verlassen. Sohn Arthur, von Beruf Bäcker, dann Inhaber einer Handelsagentur, lebte in Linz. Sohn Oskar, von Beruf Schneider, lebte in Budapest. Sohn Erwin, der verschiedene Berufe erlernte und ausübte, heiratete in Zürich die 1908 in Galizien geborene Jüdin Helena Goldberg. Sohn Edgar, der ledig blieb, war in Wien Bankangestellter, jedoch seit 1936 »in Ruhe« (vermutlich entlassen) und seither wieder in Salzburg, wie aus der Meldekartei hervorgeht. Das gleiche Schicksal widerfuhr Daniel bonyhadis Sohn Ludwig, der in Wien Versicherungsangestellter war, verheiratet mit der am 26. Jänner 1906 in Wien geborenen Jüdin Gertrude Löwit, von Beruf Modistin, deren Tochter Ruth am 18. Juni 1928 in Wien geboren wurde. Ludwig bonyhadis Familie war in Salzburg heimatberechtigt und hatte hier seit Oktober 1934 ihren ordentlichen Wohnsitz, Rainerstraße 4, wo auch der verwitwete Vater, Schwieger- und Großvater wohnte. Aus den mehrmaligen An- und Abmeldungen seines Sohnes Ludwig ist darauf zu schließen, dass dieser in den kritischen Jahren bis 1938 auf Arbeitssuche war, sogar in Wiener Neustadt und Krems, doch angesichts der Wirtschaftskrise und des virulenten Antisemitismus mit schlechten Aussichten auf einen Arbeitsplatz in Österreich.

Die Halbbrüder Ernst und Manfred bonyhadi lebten ohne Unterbrechungen bis zum Gewaltjahr 1938 in Salzburg. Ernst, der hier das Akademische Gymnasium absolvierte, Buchhalter war und ledig blieb, wohnte zuletzt in der Judengasse. Bekannt ist noch, dass er nach England flüchten konnte, dort Mitglied des Austrian Centre und der Spielgruppe Swiss Cottage war und im Kriegsjahr 1944 in London starb. Manfred, der im März 1923 in Prag die in Theresienstadt geborene Jüdin Elisabeth (Else) Steindler heiratete, deren Sohn Ernst am 3. Jänner 1924 in Salzburg geboren wurde, war somit der Schwager seines Kompagnons Isidor Fuchs, verheiratet mit Elses älterer Schwester Martha Steindler, deren Sohn Ludwig am 3. Oktober 1922 in Salzburg geboren wurde. Isidor (Dorl) Fuchs, ein Sohn des Ehepaares Ludwig Fuchs und Julia Schönbrunn (deren Halbschwester Johanna war die Ehefrau des Kohlenhändlers Rudolf Löwy in Salzburg) und somit ein Bruder der ebenfalls in Salzburg lebenden Amalie Löwy (Ehefrau des Kaufmannes Oswald Löwy), betrieb gemeinsam mit seinem Schwager Manfred bonyhadi einen Kurzwarenhandel in der Salzburger Altstadt, Getreidegasse 21, 1. Etage: Fuchs & Co.

Die Familie Manfred bonyhadi wohnte allerdings im gutbürgerlichen Andrä-Viertel, im »Hellerhaus« Franz Josef-Straße 8, 2. Etage1. Die Familie Isidor Fuchs, die schon im Mai 1938 ihre Wohnung in der Elisabeth-Vorstadt, Elisabethstraße 1, 1. Etage, räumen musste – ein Salzburger Facharzt war Nutznießer – wohnte bis November 1938 bei ihren Verwandten, Manfred und Else bonyhadi. Die Schwager Isidor und Manfred wurden nach der »Reichskristallnacht« vom 9. auf den 10. November verhaftet, vom Polizeigefängnis nach Dachau deportiert, dort mit der Auflage freigelassen, das Land umgehend zu verlassen. Jetzt musste auch ihre schöne Wohnung im Andrä-Viertel zugunsten eines Landesbeamten und seiner Frau, Leiterin der NS-Gaufrauenschaft, geräumt werden. Die beiden jüdischen Familien wurden nach Wien vertrieben, bekamen Schiffspassagen auf der italienischen MS Saturnia und erreichten am 17. November 1939 New York. Nicht allen Verwandten der beiden verzweigten Familien gelang die Flucht in die freie Welt (zur Familie Fuchs siehe Stolperstein Franz Josef-Straße 12: Amalie LÖWY).

Daniel bonyhadi, der 42 Jahre in Salzburg lebte und an Krebs erkrankt war, musste Salzburg schon Anfang Juni 1938 verlassen. Nutznießer der Vertreibung jüdischer Familien aus dem großen »Faberhaus« Rainerstraße 4 waren die DAF-Kreiswaltung, die NSDAP-Ortsgruppe, die Ortsfrauenschaft und der Oberverwalter der Landesheilanstalt. Der 75-jährige Daniel bonyhadi, der zuletzt in Wien-Leopoldstadt, Taborstraße 33, wohnte, starb am 5. November 1939 und wurde in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs beerdigt (IV/21/36/13). Sein 78-jähriger Bruder Salomon, der mit seiner Familie aus Graz nach Wien-Leopoldstadt vertrieben wurde, starb am 13. September 1939, seine Ehefrau Bertha am 6. März 1940; ihr 49-jähriger Sohn Dr. Norbert bonyhadi, Arzt in Traun, starb am 30. April 1940 in Wien, die Witwe Alice und ihr 10-jähriger Sohn Gerald wurden am 26. Mai 1942 in Maly Trostinec ermordet; Salomons 45-jähriger Sohn Berthold bonyhadi und dessen Ehefrau Elisabeth wurden in Lodz ermordet. Daniel und Salomon bonyhadis Schwester Rosa (Reitzel) und ihr Ehemann Ignaz (Yitzhak) Kalisch, die in Galanta bei Bratislava lebten, wurden in Auschwitz ermordet (siehe Gedenkblätter von überlebenden Verwandten in der Shoah-Datenbank Yad Vashem).

Daniel bonyhadis ältester Sohn, der 54-jährige Edgar2, der wie sein Vater und Onkel zuletzt in Wien-Leopoldstadt wohnte, wurde gemeinsam mit der Witwe und dem Sohn seines 1940 verstobenen Cousins Dr. Norbert bonyhadi am 20. Mai 1942 in die besetzte Sowjetunion, nach Maly Trostinec bei Minsk deportiert, dort am 26. Mai 1942 ermordet. In dieser Exekutionsstätte wurden insgesamt vierzehn Jüdinnen und Juden aus Salzburg ermordet.

Daniel bonyhadis 41-jähriger Sohn Ludwig, der zuletzt ebenfalls im 2. Wiener Bezirk wohnte, wurde am 20. Oktober 1939, demnach sechzehn Tage vor dem Tod seines Vaters, im ersten Transport mit 912 Juden nach Nisko im besetzten Polen, nahe der deutsch-sowjetischen Demarkationslinie, deportiert und dort ermordet. In diesem Transport befand sich auch der aus Salzburg vertriebene Eduard STEINDLER, der mit Else Weinstein aus Salzburg verheiratet war.

Ludwig bonyhadis 35-jährige Witwe Gertrude und ihre 13-jährige Tochter Ruth wurden am 15. Oktober 1941 nach Lodz, von dort am 23. August 1944 nach Bergen-Belsen deportiert und am 15. April 1945 von britischen Truppen befreit. In den folgenden Wochen starben noch rund 13 000 Häftlinge an den grassierenden Seuchen, darunter Ruths Mutter Gertrude am 1. Mai 1945. Ihre 16-jährige Tochter Ruth, die auch diese Gefahren überstand, erfuhr vermutlich erst später, dass ihre 64-jährige Großmutter Ottilie Löwit, geborene Gans, bei der sie zuletzt in Wien 6, Aegidigasse 5/9, gewohnt hatte, am 3. Dezember 1941 nach Riga deportiert und dort ermordet worden war (in den Shoah-Datenbanken fehlt das Geburtsdatum Ottilie Löwits: 19. April 1877 in Deutsch Beneschau, Böhmen; Ruths Großvater Alexander Löwit, der am 2. April 1939 in Wien starb, wurde in der israelitischen Abteilung beerdigt: I/52/37a/47).

Ruth bonyhadi emigrierte im Mai 1946 in die USA, heiratete den 1938 aus Deutschland vertriebenen Juden Herbert J. Rubel, bekam drei Töchter, Joan Gertrude Rubel, Miriam Susan Rubel Davidow und Dr. Nancy Louise Rubel, und starb am 11. Oktober 2001 in Richmond, Virginia.

1 Die Familie Manfred bonyhadi übernahm 1926 die Wohnung der jüdischen Familie Popper, die nach Linz übersiedelte. Wilhelm Popper, Vorstandsmitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, starb 1932 in Linz. Die Witwe Olga Popper, geborene Katz, wurde im September 1942 in Maly Trostinec ermordet. Ihr am 26. Oktober 1909 in Salzburg geborener Sohn Herbert wurde unter dem NS-Regime von einem Sondergericht zum Tode verurteilt und am 10. November 1942 in Wien hingerichtet.

2 Laut Information Ernest bonyhadis (1924 - 2016) war sein Onkel Edgar mit Melanie verheiratet. Es konnte jedoch bislang weder eine religiöse noch eine zivile Trauung ermittelt werden. Laut Information des Wiener Stadt- und Landesarchivs vom 7. Dezember 2011 war Edgar bonyhadi zum Zeitpunkt seiner Deportation ledig. Dies schließt nicht aus, dass er eine Lebenspartnerin hatte, die ebenfalls Shoah-Opfer ist, wie uns Ernest bonyhadi mitteilte.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer
Hoerstolperstein Hörstolperstein abspielen!

Benachbarte Stolpersteine

Franz-Josef-Straße 5 62m 62m, 57°  Steindler, Eduard
Franz-Josef-Straße 4 68m 68m, 99°  Hattinger, Alois
Kubin, Josefine
Franz-Josef-Straße 6 82m 82m, 89°  Aninger, Heinrich
Aninger, Klara
Max-Ott-Platz 4  91m 91m, 345°  van Alderwerelt, Franziska
Max-Ott-Platz 121m 121m, 317°  Böttinger, Karl
Holzer, Matthias
Rehrl, Andreas

Stolperstein

verlegt am 28.08.2008 in Salzburg, Rainerstraße 4.

DE EN