Otto & Hilde Friedmann

HIER WOHNTE
OTTO FRIEDMANN
JG. 1896
HAUS ENTEIGNET
FLUCHT 1938 SCHWEIZ
1941 USA
Meldeschein Otto & Hilde Friedmann
Meldeschein Otto & Hilde Friedmann

Haunspergstraße 25

Friedmann, Hilde Friedmann, Otto

Otto FRIEDMANN, geboren am 23. Dezember 1896 in Wien, war das dritte von vier Kindern des jüdischen Ehepaares Ernestine, geborene Stransky, und Moritz Friedmann. Ottos Vater Moritz betrieb in Wien-Leopoldstadt einen Möbelhandel. Als er schwerkrank im 41. Lebensjahr starb, war noch keines seiner Kinder im schulpflichtigen Alter. Die Hinterbliebenen lebten in ärmlichen Verhältnissen. Den Lebensunterhalt verdiente die Witwe durch Näharbeiten. Ihr älterer Sohn Alfred hatte in den letzten Friedensjahren vor dem Ersten Weltkrieg bereits ein eigenes Einkommen. Er musste aber zum Kriegsdienst einrücken und kam 23-jährig in Italien ums Leben.

Alfreds Bruder Otto überstand den Kriegsdienst in der österreichisch-ungarischen Armee. In den ersten Friedensjahren arbeitete Otto FRIEDMANN als Einkäufer im Holzhandel seines Onkels. Dank der lukrativen Geschäfte verbesserten sich die Lebensverhältnisse seiner Familie. Damit bestanden auch gute Voraussetzungen zur Gründung einer eigenen Familie.

Bei einem Badeausflug lernten sich Otto und Hilde kennen und lieben. Die beiden heirateten am 22. Oktober 1922 im Wiener Stadttempel. Ottos Ehefrau Hilde (Hildegard) FRIEDMANN, geboren am 21. August 1899 in Wien, war das einzige Kind des jüdischen Ehepaares Anna, geborene Weinberger, und Josef Rideg (vormals Reitzer), der im 1. Wiener Bezirk ein Seidengeschäft besaß, jedoch wie Ottos Vater Moritz schon früh verstarb.

Otto FRIEDMANN hatte nun für eine wachsende Familie zu sorgen und war daher bestrebt, seine Holzgeschäfte durch Exporte nachhaltig zu steigern. Im Frühjahr 1924 gelang es ihm, sich mit der in Basel ansässigen Gebrüder Falk AG zu arrangieren. In den folgenden vierzehn Jahren arbeitete er als Holzeinkäufer in Österreich für das auf Exporte spezialisierte Unternehmen am Dreiländereck Schweiz, Frankreich und Deutschland.

Das Ehepaar FRIEDMANN übersiedelte im November 1924 von Wien nach Salzburg und wohnte seit Anfang Jänner 1926 in der zweiten Etage des Hauses Haunspergstraße 25, das im Stadtteil Elisabeth-Vorstadt liegt. Das Haus war seit Juli 1925 im Eigentum der Schweizer Gebrüder Falk AG, die damit für einen stabilen Arbeits- und Wohnsitz ihres Holzeinkäufers sorgte, der sich vorerst kein eigenes Haus in nobler Lage leisten konnte. Des Weiteren ist im Grundbuch der Stadt Salzburg dokumentiert, dass Hilde FRIEDMANN eine Hälfte des Hauses Haunspergstraße 25 im Dezember 1931 von der Gebrüder Falk AG erwarb und dass die andere Haushälfte seit Dezember 1937 im Eigentum der Schweizer Fahom AG war – eine von Otto FRIEDMANN in Basel gegründete Firma. Er erzählt rückblickend:

… Wir fanden dann das Haus in der Haunspergstraße 25. Die Firma [Gebrüder Falk] erklärte sich bereit, dieses zu kaufen, da ich die Rente nicht allein bezahlen konnte. Der Vertrag kam im August 1925 zustande, und es wurde vereinbart, dass ich mich mit einem Drittel an dem Kauf beteiligte. Es wurde jedoch erst im Jänner 1926 eine Wohnung frei, und wir übersiedelten dann in den ersten Tagen 1926 dorthin. Wir waren zum ersten Mal Besitzer einer wirklich erstklassigen modernen Wohnung, also das Ideale, was man erträumte. Im Sommer hatten wir zur Abwechslung immer Besuch von unseren Müttern, und dieser dauerte manchmal über das ganze Jahr. Wir lebten dort sehr zufrieden. Das Schöne war, als wir das erste Kind, unseren Fredi, bekamen. So lebten wir vom Jänner 1926 bis März 1938 glücklich in unserer Wohnung. (Marko M. Feingold Hg., Ein ewiges Dennoch, S. 471)

Im Fokus der Erinnerung Otto FRIEDMANNS liegt das familiäre Glück im Haus Haunspergstraße 25, wo seine Kinder geboren wurden: Alfred (Fred) am 15. Oktober 1926 und Margarete (Grete) am 14. September 1930, beide in Sicherheit und Wohlstand aufgewachsen – allerdings nur bis zu ihrem zwölften bzw. achten Lebensjahr. Das von der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg im Dezember 1937 veranstaltete Chanukka-Fest, bei dem Otto FRIEDMANN Filme vorführte, war das letzte vor der Auslöschung der jüdischen Gemeinde.

Seit den 1920er Jahren kannte das antisemitische Salzburg die zu Hassobjekten gemachten Juden beim Namen, weshalb auch die Familie FRIEDMANN in ihrem Lebensort nicht unbehelligt geblieben sein kann. Wir wissen immerhin, dass Otto FRIEDMANN von 1935 bis 1938 in der jüdischen Gemeinde als Mitglied des Kultusrates fungierte und daher gut informiert war. Am Protest des Kultusrates gegen die Judenverfolgung in Deutschland und gegen antisemitische Pamphlete in Salzburg zeigt sich, dass die Bedrohung jüdischen Lebens schon während des Verbotes der NSDAP in Österreich fühlbar war. Anhänger der NSDAP stellten ihre politische Gesinnung in der Regel erst nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Österreich offen zur Schau – Bedrohungen, die nun für die Familie FRIEDMANN sicht- und greifbar waren.

Die im März 1938 auf dem Giebel des Hauses Haunspergstraße 25 gehisste Hakenkreuzfahne musste unweigerlich als Signal zur Vertreibung der jüdischen Hauseigentümer verstanden werden. In ihrem Haus waren sechs Familien als Mieter registriert. Vier der sechs Familienvorstände waren NSDAP-Mitglieder: Josef Rachmann (Parterre), Leopold Neckam (erste Etage), Ludwig Sadleder und Franz Sauer (beide dritte Etage). Franz Sauer, Domorganist und Musikprofessor am Mozarteum, war seit 1932 NSDAP-Mitglied (Nr. 6.342.291) und unter der NS-Herrschaft als Landesleiter der Reichsmusikkammer für die »Entjudung« des Musikbetriebes verantwortlich (im befreiten Salzburg posthum geehrt: »Franz-Sauer-Straße«).

Die Familie FRIEDMANN bemerkte rückblickend: »Wir waren die einzigen Juden im Haus.« Zutreffend ist jedenfalls, dass nicht alle Nachbarn Nationalsozialisten waren: weder die Familie Wenghart auf der ersten Etage noch die Familie Leitl auf der zweiten Etage, demnach auf derselben Etage wie die Familie FRIEDMANN. Ihr Nachbar Josef Leitl, ehemals Generalmajor der österreichisch-ungarischen Armee, starb im Kriegsjahr 1943. Seine Ehefrau Friederike, geborene Singer, eine zum katholischen Glauben konvertierte Jüdin, galt unter dem NS-Regime als »Volljüdin«, ihre ledige Tochter Therese folglich als »jüdischer Mischling«. Im Dunkeln liegen aber die Erfahrungen der beiden stigmatisierten Frauen, die nicht vertrieben wurden, sondern bis zur Befreiung im Mai 1945 Nachbarn der Familie Dr. Begus auf der zweiten Etage des Hauses Haunspergstraße 25 waren, wie aus dem Polizeimelderegister hervorgeht.

Die vertriebene Familie FRIEDMANN wusste hingegen ein wenig Bescheid über die Familie Dr. Begus, die ihre Wohnung im Jänner 1939 okkupierte und dort bis zur Befreiung Salzburgs blieb. Dr. Otto Begus, österreichischer Polizeioffizier, NSDAP- und SS-Angehöriger, »Blutordensträger«, war in den Jahren 1938/39 Kriminalkommissar in Salzburg und während des Weltkrieges Kommissar der Geheimen Feldpolizei, Chef der Gruppe 6111 in besetzten Ländern. Auch die von der Gruppe 611 in Griechenland verübten Kriegsverbrechen, Morde an der Zivilbevölkerung, blieben ungesühnt. Dr. Begus, in den letzten Kriegsjahren SS-Sturmbannführer und SS-Führer beim Stab des SS-Oberabschnitts Alpenland in Salzburg, lebte seit 1961 wieder in Salzburg. Er starb 1980, bestattet auf dem Salzburger Kommunalfriedhof.

Hilde und Otto, Fred und Grete FRIEDMANN verloren mehr als ihr schönes und geliebtes Zuhause in Salzburg. Sie verloren ihre Mütter respektive Großmütter, pflegebedürftige Frauen, die im nationalsozialistischen Österreich blieben – 1938 schmerzhafter Abschied voneinander, verborgene Traumata, die nicht im Fokus der publizierten Erinnerungen der Überlebenden stehen.

Anhand der Melderegister wissen wir aber, dass Anna Rideg, die kranke Mutter der Hilde FRIEDMANN, noch bis November 1938 in Salzburg gepflegt werden konnte und 71-jährig am 3. Februar 1940 in Wien-Leopoldstadt verstarb (Grab im Zentralfriedhof Tor IV/22/44a/10). Otto FRIEDMANNS Mutter Ernestine musste 80-jährig im Februar 1940 ihre Wohnung im 9. Bezirk verlassen und in Wien-Leopoldstadt wohnen, in einem jüdischen Pflegeheim und »Sammellager«. Von dort wurde sie am 20. August 1942 nach Theresienstadt deportiert. Am 13. Oktober 1942 war Ottos 82-jährige Mutter Ernestine tot: »Adynamia Cordis, Herzlähmung« laut offizieller Todesfallanzeige.

Rund drei Jahre dauerte die Flucht der Familie FRIEDMANN. Sie befand sich, als Hildes Mutter Anna in Wien starb, schon in Frankreich, aber noch immer in der Ungewissheit, ob die Flucht in die Freiheit gelingt. Die Flucht glückte, ging vom mittlerweile besetzten Frankreich in die noch freie Zone im Süden, von Marseille über Madrid nach Lissabon mit zwei Schiffspassagen, der S.S. Exeter und der S.S. Excalibur in die freie Welt. Otto und sein Sohn Fred erreichten New York am 21. Juli 1941, Hilde und ihre Tochter Grete eine Woche später am 28. Juli 1941, dort von Ottos Schwestern Grete und Ida freudig erwartet. Zu dieser Zeit lebte ihre Mutter Ernestine noch als Pflegling im nationalsozialistischen Wien, etwa ein Jahr bis zu ihrer Deportation im August 1942.

Was wussten die Geretteten? Wann erlangten sie Gewissheit über den Verlust ihrer Nächsten unter dem Terrorregime? Vermutlich erst nach dem Sieg der alliierten Streitkräfte und der Befreiung Österreichs im Jahr 1945 – Trauer und Traumata im Privaten, öffentlich Verschwiegenes.

Bekannt ist aber, dass Hilde und Otto FRIEDMANN keine Anträge auf Restitution ihres Hauses Haunspergstraße 25 stellten, obschon sie nachweislich Geschädigte und Betrogene waren. Die beiden hätten für die auf ihrer Flucht in den Jahren 1939/40 getätigten Zwangs- oder Notverkäufe ihrer Haushälften jeweils 27.000,- Reichsmark – deutlich unter ihrem ursprünglichen Wert – bekommen sollen. Rund 11.500,- Reichsmark kassierten jedoch Immobilienmakler, Rechtsanwälte und sogenannte Devisenberater an Provisionen und Honoraren für den Verkauf beider Haushälften.

Da die Haushälfte der Eigentümerin Hilde FRIEDMANN als »Judenvermögen« galt, konnte sich das Deutsche Reich 20.463,64 Reichsmark einverleiben, somit den Großteil des vom Käufer bezahlten Preises. Der Restkaufpreis von 2.036,36 Reichsmark ging auf ein Konto der Landeshypothekenanstalt Salzburg mit der Bezeichnung »Entjudungserlös Hildegard Sara Friedmann«: ein Sperrkonto gemäß dem reichsdeutschen Devisengesetz.

Die Haushälfte der von Otto FRIEDMANN in Basel gegründeten Fahom AG galt nicht als »Judenvermögen«, weshalb nach Abzug der Honorare und Provisionen ein Restkaufpreis von 20.247,80 Reichsmark blieb, der vom Käufer zugunsten der Schweizer Fahom AG auf ein Sperrkonto des Wiener Bankhauses Carl August Steinhäuser – des 1938 enteigneten jüdischen Bankhauses Ephrussi & Co – eingezahlt werden musste. Es bestehen berechtigte Zweifel, dass der auf einem Sperrkonto eines »arisierten« Wiener Bankhauses deponierte Betrag jemals zur Gänze ins Ausland überwiesen wurde – in jedem Fall eine Schädigung und Beraubung des Ehepaares Hildegard »Sara« und Otto »Israel« FRIEDMANN, die »der deutschen Staatsangehörigkeit für verlustig erklärt« wurden (Deutscher Reichsanzeiger vom 15. 5. 1941).

Zu ergänzen sind die Namen der 1940/41 im Grundbuch der Stadt Salzburg eingetragenen Eigentümer des Hauses Haunspergstraße 25: Anna und Dr. med. Kurt Lundwall, Facharzt für Frauenheilkunde und NSDAP-Mitglied Nr. 6.347.114 (eine Mitgliedsnummer innerhalb des Nummernblocks, der für »Altparteigenossen« reserviert war).

Kolportiert wird, dass Dr. Lundwall ein schwedischer Arzt gewesen sei. Richtig ist jedoch: Er war Österreicher (geboren 1892 in Troppau). Erzählt wird überdies, dass Lida Baarová, prominente Filmschauspielerin und Geliebte des Joseph Goebbels, nach Kriegsende in die Wohnung der jüdischen Familie FRIEDMANN eingezogen sei. Verbürgt ist vielmehr, dass der verwitwete Dr. Lundwall die seit 1948 in Salzburg lebende Ludmila Kopecký, geborene Babková, genannt Lida Baarová, im Jahr 1971 heiratete und dass die seit 1973 verwitwete Erbin Ludmila Lundwall offiziell vom 5. Mai 1986 bis zu ihrem Tod am 28. Oktober 2000 im Parterre des Hauses Haunspergstraße 25 wohnte.

Augenscheinlich ist, dass Täter und Nutznießer des NS-Regimes mehr mediale Aufmerksamkeit genießen konnten als ihre Opfer. Das erklärt sich nicht zuletzt aus dem Fortwirken des Antisemitismus. Daher war auch die Rückkehr der Überlebenden unerwünscht. Es dauerte Jahrzehnte, bis vertriebene Familien eine offizielle Einladung Salzburgs zu einem Besuch ihres ehemaligen Lebensortes erhielten: im Jahr 1993 dank der Initiative der Israelitischen Kultusgemeinde, ihres Präsidenten Marko Feingold.

Das Ehepaar FRIEDMAN(N) war nicht unter den Besuchern. Otto starb 90-jährig im Dezember 1986, Hilde 101-jährig im Dezember 2002 in Flushing, New York. Ihr Sohn Fred, österreichischer Generalkonsul in Buffalo, besuchte Salzburg mehrmals. Er verhielt sich gegenüber seiner Geburtsstadt weniger reserviert als seine Schwester Grete (Margaret Kohlhagen), die aber ebenfalls die offizielle Einladung nach Salzburg annahm. Am 16. Jänner 2008 starb Fred 81-jährig in Clarence nordöstlich von Buffalo, New York State. Die Geschwister Fred und Grete haben Kinder und Enkelkinder.

1 »… Head of group 611 [Geheime Feldpolizei] was an Austrian, Otto Begus from Salzburg, whose role in major Nazi war crimes in Greece would be investigated by Austrian prosecutors after the war. Feldpolizeikommissar (captain) Begus never got indicted for the crimes he had committed in Greece. The only punishable act that could be proved by the prosecution was his membership in the clandestine Austrian Nazi party before the 'Anschluss'. On 26 April 1948 he received a conviction of three years imprisonment (LG Wien Vg 11 Vr 8262/47). Information about the shooting of hostages, the murder of hundreds of civilians and other atrocities in the Athens metropolitan area can be found in Greek documents attached to the prosecution record against Otto Begus, Franz Kleedorfer, Alfred Josef Slawik (LG Wien Vg 8e Vr 183/53).«

Winfried R. Garscha: Ordinary Austrians. Common War Criminals during World War II, in: Günter Bischof, Fritz Plasser, Eva Maltschnig (Hg.), Austrian Lives. Contemporary Austrian Studies, Bd. 21, New Orleans 2012, S. 313

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Haunspergstraße 27 44m 44m, 0°  Broz, Franz
Stauffenstraße 10 75m 75m, 81°  Illner, Johann
Plainstraße 26 120m 120m, 84°  Spannring, Johanna
Plainstraße 29 124m 124m, 122°  Levi, Julius
Josef-Mayburger-Kai 8 130m 130m, 239°  Weil, Camill

Stolperstein

verlegt am 26.09.2018 in Salzburg, Haunspergstraße 25.

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