Herbert Graf

HIER WIRKTE
HERBERT GRAF
JG. 1903
OPERNREGISSEUR
FLUCHT 1938
USA
Herbert Graf<br>Foto: Wilhelm Willinger
Herbert Graf
Foto: Wilhelm Willinger

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Herbert GRAF, am 10. April 1903 in der Haupt- und Residenzstadt Wien geboren, war das ältere von zwei Kindern des jüdischen Ehepaares Olga, geborene Hönig, und Dr. phil. Max Graf.

Herberts Vater war ein renommierter Musikwissenschaftler und Kritiker, außerdem Mitglied der »Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft«, eines Arbeitskreises von Sigmund Freud.

Herbert GRAF studierte Gesang, Klavier und Bühnenausstattung, überdies Musikwissenschaft. Er promovierte 1925 bei Guido Adler mit einer Studie über Richard Wagner als Regisseur und heiratete 1927 die Jüdin Liselotte Austerlitz. Ihr Sohn Werner Lothar wurde im Mai 1933 in Pilsen (Plzeň, CSR) geboren.

Von 1925 bis Anfang 1933 arbeitete Herbert GRAF als Opernregisseur in den deutschen Städten Münster, Breslau und Frankfurt am Main. 1929 wurde er als Oberregisseur an das Frankfurter Opernhaus unter seinem Intendanten Josef Turnau und Orchesterleiter Wilhelm Steinberg engagiert.

Beachtenswert sind GRAFs gewagte Inszenierungen von zeitgenössischen Opern wie Maschinist Hopkins von Max Brand, Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny von Kurt Weill (Libretto von Bertolt Brecht) und Von heute auf morgen von Arnold Schönberg (Libretto von seiner Ehefrau Gertrud unter dem Pseudonym Max Blonda).

Die am 1. Februar 1930 uraufgeführte Oper des Ehepaares Schönberg – die erste in Zwölftontechnik – war allerdings kein großartiger Publikumserfolg. Der anwesende Komponist soll die Bekundungen des Missfallens mit Gelassenheit hingenommen haben:

[…] Als Schönberg am Schluss erschien, gab es wohl viel Beifall, aber auch laute Opposition, die sich in Pfiffen und Pfuirufen äußerte, den Komponisten aber nicht im Geringsten aus seiner Ruhe zu bringen schien.
Neues Wiener Journal, 6. 2. 1930, S. 10

1933, gleich nach der Machtübernahme Adolf Hitlers, wurden der Intendant Josef Turnau, der Orchesterleiter Wilhelm Steinberg und Opernregisseur Herbert GRAF wegen ihrer jüdischen Herkunft und »zersetzenden Tätigkeit« als »Kulturbolschewiken« aus Deutschland vertrieben.

Prag (Praha), Basel, Philadelphia, Florenz und Salzburg waren die nächsten Wirkungsorte des österreichischen Opernregisseurs Herbert GRAF. Erzählt wird, dass er bereits 1934 ins US-amerikanische Exil gegangen sei. Richtig ist vielmehr, dass er für eine Saison an die Philadelphia Opera mit ihrem deutschsprachigen Repertoire engagiert wurde, dort unter anderem die Oper Der Rosenkavalier inszenierte.

Im Frühjahr 1935 war Herbert GRAF wieder in Europa, um bei den Florentiner Maifestspielen und Salzburger Festspielen unter der musikalischen Leitung Bruno WALTERs mitzuwirken.

Mozarts Singspiel Die Entführung aus dem Serail, neu einstudiert von Bruno WALTER und Herbert GRAF, hatte am 12. August 1935 im Festspielhaus Premiere. Der Wiener Musikkritiker Fritz Deutsch fand lobende Worte für die Regiearbeit Herbert GRAFs:

… Die Szene wird diesmal von dem in Amerika wie in Deutschland, in der Schweiz oder Italien gleich geschätzten jungen Herbert Graf regiert, einem Wiener, der nach dem Eindruck seiner Salzburger Arbeit zu den wenigen, wirklich begabten Opernspielleitern von heute gehört. Was Graf auf Mozarts Theater gezeigt hat, war vom Klang der Musik inspiriert, bewegungsmäßig in ihr verwurzelt. […]
Neues Wiener Journal, 14. 8. 1935, S. 11

Die lokalpatriotisch geprägte Wiener Musikkritik betonte nachdrücklich, dass der im festlichen Salzburg brillierende Herbert GRAF ein Wiener sei. In Wien hatte er allerdings kein festes Engagement in Aussicht. Es gelang ihm lediglich im Herbst 1935, als Gastregisseur an der Wiener Staatsoper Richard Wagners Tannhäuser zu inszenieren.

Internationale Aufmerksamkeit erregte jedoch Herbert GRAFs Inszenierung der Meistersinger von Nürnberg unter Arturo TOSCANINIs musikalischer Leitung im Festspielsommer 1936. Premiere war am 8. August im Salzburger Festspielhaus – ein Wagnis angesichts der räumlichen Widrigkeiten:

Das Meistersinger-Wunder der Festspiele. […] Was Dr. Herbert Graf in den vier ‚Meistersinger‘-Bildern zeigt, bewegt, zur optischen Wirkung bringt, ist weit mehr als eine Probe hoher Begabung.
Es ist eine reife Erfüllung seines Metiers, eines werktreuen Opernregisseurs, eine Arbeit, mit der sich dieser junge Wiener Künstler in die vorderste Reihe gestellt hat. Die Raumfrage ist in jeder Lösung unglaublich gut gelungen.

Neues Wiener Journal, 9. 8. 1936, S. 24

Im Dezember 1936 startete Herbert GRAF seine Karriere an der New Yorker Metropolitan Opera mit ihrem deutschsprachigen Repertoire. Davon erfuhr die Musikstadt Wien aus der Zeitung:

Wiener Musik in der Metropolitan.
Neues Wiener Journal, 11. 4. 1937, S. 24

Im Festspielsommer 1937 war Herbert GRAF zum dritten Mal in Salzburg künstlerisch tätig. Dieses Mal inszenierte er Mozarts Zauberflöte, die unter Arturo TOSCANINI am 30. Juli im Festspielhaus Premiere hatte. Musikkritiker bewunderten zu Recht die Regiearbeit Herbert GRAFs unter den beengten Raumverhältnissen:

… Seit Wochen war Dr. Herbert Graf, der junge Regisseur, der Toscaninis besonderes Vertrauen genießt und der von ihm im Vorjahr mit der Inszenierung der ‚Meistersinger‘ betraut wurde, am Werk. Die prachtvollen Gestaltungen des zweiten Akt-Finales, der Festwiese, die auf der räumlich engen, technisch höchst unvollkommenen derzeitigen Bühne unsagbare Schwierigkeiten boten, schufen dem Künstler mit einem Schlag höchstes Ansehen.
Salzburger Chronik, 3. 8. 1937, S. 9

Gerechtigkeit, eine Zeitung, die Irene Harand unter ihrem Motto »Gegen Rassenhass und Menschennot« in Wien herausgab, war sehr angetan von der Salzburger Zauberflöte, da entsprechend ihrer kosmopolitischen Idee sowohl Juden als auch Angehörige verschiedener Nationen mitwirkten:

… In Ausübung hoher Kunst auf österreichischem Boden kann man sich, wie man sieht, herrlich vertragen und die ganze Welt begeistern, im Zeichen des Völkerfriedens und der österreichischen Tradition.
Gerechtigkeit, 29. 7. 1937, S. 3

Als christliche Aktivistin gegen Nationalsozialismus und Antisemitismus musste Irene Harand umgehend Österreich beim »Anschluss« an Deutschland verlassen. Es heißt, dass ihre Bücher, darunter »Sein Kampf. Antwort an Hitler«, am 30. April 1938 auf dem Salzburger Residenzplatz verbrannt worden seien.

Verbürgt ist jedenfalls, dass Irene Harand ihr Leben im Exil vornehmlich der Rettung österreichischer Jüdinnen und Juden widmete.

Recherchen ergaben außerdem, dass Herbert GRAFs Eltern Max und Olga die Terrorjahre überlebten und dass seine verwitwete Schwiegermutter Therese Austerlitz in einem unbekannten Konzentrationslager ermordet wurde.

Gut dokumentiert ist hingegen die künstlerische Tätigkeit Herbert GRAFs in den USA und im befreiten Salzburg. Seine Inszenierungen in den 1950er Jahren sind in den Annalen der Salzburger Festspiele verzeichnet: Le Nozze di Figaro, Don Giovanni und Die Zauberflöte von Mozart, Elektra von Richard Strauss, Otello und Simone Boccanegra von Verdi.

Beachtenswert ist noch, dass Herbert GRAF in den 1960er Jahren Direktor des Stadttheaters in Zürich und schließlich Intendant des Grand Théâtre in Genf war.

Herbert GRAF, seit 1943 US-amerikanischer Staatsbürger, starb 69-jährig am 5. April 1973 in Genf.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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Stolperstein

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