Alexander Kipnis

HIER WIRKTE
ALEXANDER KIPNIS
JG. 1891
SÄNGER
FLUCHT 1938
USA
Alexander Kipnis<br> Quelle: Jüdisches Museum Berlin
Alexander Kipnis
Quelle: Jüdisches Museum Berlin

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Alexander KIPNIS, geboren am 1. Februar 1891 in Schitomir (Schytomyr), damals Russisches Kaiserreich (heute Ukraine), war eines von fünf Kindern des jüdischen Ehepaares Machlya (Chaika) und Shaya Yankel (Issay) Kipnis, eine arme Familie, die im Ghetto von Schitomir lebte.

Mehr als ein Drittel der Bewohner der einstigen Kleinstadt war jüdisch. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde die jüdische Bevölkerung großteils ermordet.

Alexander KIPNIS, der in europäischen und amerikanischen Musikmetropolen zu einem berühmten Opernsänger avancierte, war als junger Mann Sänger in kleinen osteuropäischen Synagogen, erzählt sein Sohn Igor in einem Interview mit der New York Times:

I was not really aware of his career, said Mr. [Igor] Kipnis. I was brought up the way European children were: you could be seen but definitely not heard from. But if he went to Buenos Aires, the whole family would go off. It was terribly glamorous.
The singer's life began without glamour, his son said. He was born in a Ukranian city, Zhitomir, on Feb. 1, 1891, and the family was incredibly impoverished, Mr. [Igor] Kipnis said.
The only thing he had going for him and, in the beginning, was a boy soprano. He sang in synagogues to make a little bit of money until his voice changed. One Year of School. Then he worked in a furniture factory during the day and also worked for a theatrical troupe doing Yiddish plays and musicals, until the anti-Semitic wave caused the troupe to be closed down.
Then he took himself off to Poland, where he continued to sing in synagogues until he learned he could enroll in the Warsaw Conservatory without the equivalent of a high school diploma. He had had only one year of schooling.

The New York Times, Feb. 24, 1991, p. 12

Festzuhalten ist ebenso, dass der nach dem Ersten Weltkrieg an deutschen Opernhäusern als Bass-Sänger engagierte Alexander KIPNIS schon in den 1920er Jahren häufig zwischen Europa und Amerika pendelte, wie aus seinen Schiffspassagen hervorgeht.

Verbürgt ist außerdem, dass er einige Saisonen am Civic Opera House von Chicago auftrat und dort 1925 die in Halifax (Canada) geborene Mildred Levy heiratete, deren Vater als Musiker in Chicago tätig war.

1931 erwarben Alexander und Mildred KIPNIS und ihr in Berlin geborener Sohn Igor die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Es zeigt sich aber, dass für den Bass-Sänger KIPNIS, spezialisiert auf Richard Wagners Opern, die Wirkungsorte Berlin und Bayreuth nach wie vor Priorität hatten. Er sang mit Vorliebe den Gralsritter »Gurnemanz« und blieb dennoch Jude.

Im Juni 1929 hatte Alexander KIPNIS erstmals Gastauftritte an der Wiener Staatsoper: als »Mephistopheles« in Gounods Faust und als »Sarastro« in Mozarts Zauberflöte.

Er gab sein nächstes Wiener Gastspiel jedoch erst im Jänner 1934, als der aus Dresden verjagte Generalmusikdirektor Fritz Busch Beethovens Missa solemnis im Konzerthaus dirigierte. Der Bass-Sänger gefiel dem Musikkritiker Max Graf:

… Alexander Kipnis, Besitzer eines besonders schönen, weichen und auch in der Tiefe wohllautenden Basses, den man gerne näher kennen lernen würde.
Der Wiener Tag, 16. 1. 1934, S. 7f.

Wien wollte den »berühmtesten Bassisten«, der als US-Staatsbürger noch an der Berliner Oper verpflichtet war und nicht ohne Weiters entlassen werden konnte, mit offenen Armen empfangen. Es dauerte aber, da er Jahr für Jahr längere Tourneen unternahm: 1934, 1935 und 1936 nach Südamerika, Rio de Janeiro, Buenos Aires und Montevideo.

Daraufhin ließ sich Alexander KIPNIS für drei Jahre an die Wiener Staatsoper binden. Er sang dort am 1. November 1936 erstmals den »Gurnemanz« und bald darauf im Konzerthaus jiddische Lieder für die »Makkabäerfeier« der zionistischen Landesorganisation.

Darüber berichtete eine jüdische Zeitung voller Enthusiasmus:

… und das bekannte Lied ‚Rosinkes mit Mandeln‘ durch den berühmten Kammersänger Alexander Kipnis: Seine unvergleichliche Gesangskunst, die auf der höchsten Stufe stehende Musikkultur, phantastisch anmutende Atemtechnik, prachtvolle Diktion, ideale Ausgeglichenheit aller Register, die unbeschreibliche Schönheit des Timbres seines an Schaljapin in seiner besten Zeit mahnenden Organs und vor allem der Ausdruck erschütterte die Zuhörer auf das tiefste; das Publikum raste vor Begeisterung und erzwang sich die Wiederholung des Liedes ‚Rosinkes mit Mandeln‘.
Die Stimme, 10. 12. 1936, S. 3

Alexander KIPNIS gab auch Konzerte für den »Kulturbund Deutscher Juden« im nationalsozialistischen Deutschland, zuletzt im Februar 1937 in Düsseldorf und Hamburg. Bei den Wiener Festwochen, die im Juni 1937 stattfanden, sang er wieder den »Hunding« - eine germanische Sagenfigur – in Wagners Walküre.

Es scheint, dass Alexander KIPNIS ein künstlerisches Leben führte, das sich in parallelen und konträren Welten bewegte.

Das Neue Wiener Journal berichtete schon im April 1937 über die Mitwirkung des Bass-Sängers der Weltklasse unter der musikalischen Leitung von Arturo TOSCANINI bei den Salzburger Festspielen: Alexander KIPNIS als »Rocco« in Fidelio, als »Sarastro« in Der Zauberflöte und obendrein als »Orgelbass« in Verdis Requiem.

»It was terribly glamorous« – Worte des Sohnes Igor, die auch die Atmosphäre der Eröffnung der Salzburger Festspiele unter Maestro TOSCANINI am 24. Juli 1937 wiedergeben: viel Prominenz, in der ersten Reihe Sara D. Roosevelt, die Mutter des Präsidenten der USA, und das zuvor in einem französischen Schloss getraute Herzogspaar Duke of Windsor, vormals King Edward VIII, und Duchess of Windsor, vormals Mrs. Wallis Simpson:

… Besonders bewundert wurden Toilette und Schmuck der Herzogin von Windsor.
Salzburger Volksblatt 26. 7. 1937, S. 5

Reverenz erwies die Kritik auch Künstlern wie Alexander KIPNIS als »Rocco« in Fidelio:

Großartiger Auftakt der Salzburger Festspiele, Toscanini dirigiert ‚Fidelio‘ […]
Ein besonderes Lob aber Herrn Kipnis, der den Rocco sang. Unvergleichlich ist die Wärme dieser Stimme, ist die Beseelung der musikalischen Phrase, unvergleichlich ist der Glockenklang dieses Sprechorgans, dessen Weichheit von Güte und Milde überströmt, das zwingt und bezwingt. […]

Neues Wiener Journal, 25. 7. 1937, S. 23

Ein künstlerisches Ereignis ersten Ranges, obschon mit weniger Glamour, war auch die Premiere der Zauberflöte am 30. Juli 1937 unter Arturo TOSCANINI mit Alexander KIPNIS als »Sarastro«:

… Kipnis leiht dem Sarastro Würde und Hoheit und macht ihn zum Verkünder des ewigen Humanitätsideals, nicht zuletzt durch die Fülle seines schön fundierten Basses. […]
So wurde die Zauberflöte in ihrer neuen Gestaltung ein bedeutsames künstlerisches Ereignis, das vom Publikum mit stürmischem Enthusiasmus und Zustimmung aufgenommen wurde, zu den großen Ereignissen der Festspielzeit zählt. Dr. Hermann Ullrich.

Neue Freie Presse, 31. 7. 1937, S. 1-3

Alexander KIPNIS konnte noch einmal in Salzburg seinen »Orgelbass« zur herrlichen Entfaltung bringen, als er am 14. August 1937 unter der Führung TOSCANINIS die Bass-Partie in Verdis Messa da Requiem (Totenmesse) singen durfte:

… Beim Requiem vergisst man, dass man in einem Konzert ist; der Eindruck ist so gewaltig, dass man nur weinen und beten kann. Wenn nach dem ‚Kyrie‘ das ‚Dies irae‘ donnernd anhebt, dann legt sich die ganze Last eigener Schuld auf die Seele, der Ton wird körperhaft und drückt auf das Herz, so dass der Atem stockt.
‚Sanctus‘ und ‚Benedictus‘ waren eine Weihe, auf dem ‚Agnus dei‘ lag die fromme Ruhe eines anderen Seins. Und wie entrückt klangen zum Schluss die Gebetsworte des Sopransolos, die das ewige Licht verkünden. Das Soloquartett hatte im samtweichen Bass Kipnis‘ einen grandiosen Orgelpunkt […].

Gerechtigkeit, 19. 8. 1937, S. 7

Der Westen und Osten der gespaltenen Welt konnte Alexander KIPNIS hören, da fünfzehn Staaten inklusive der USA und der Sowjetunion Aufführungen der Salzburger Festspiele übertrugen, das Deutsche Reich lediglich das Konzert Wilhelm Furtwänglers am 27. August 1937.

Von Mitte Oktober bis Ende Dezember 1937 unternahm Alexander KIPNIS eine Konzerttournee in den USA. Nach seiner Rückkehr – Ehefrau und Sohn blieben in Chicago – sang er an der Wiener Staatsoper den »Rocco« in Fidelio, den »König Marke« in Tristan und Isolde sowie andere Bass-Partien.

Ehe er seine zwei Monate dauernde Konzerttournee in Australien antrat, gab er als Publikumsliebling am 22. Februar 1938 im Großen Musikvereinssaal ein Abschiedskonzert – »für diese Saison«, wird betont.

Es war jedoch sein letztes Konzert in Wien, sein letzter Auftritt in Österreich:

Im Großen Musikvereinssaal nahm Alexander Kipnis vom Wiener Publikum für diese Saison Abschied. Es war kein wehmütiges Abschiedsfest, sondern ein Abend voller Farbe und Spannung, reich an Höhepunkten und überraschenden Wendungen.
Denn Kipnis sang Arien, aber nicht nur Arien seines Baßrepertoires, sondern auch solche aus ausgesprochenen Baritonpartien, den Wahn-Monolog des Sachs aus den ‚Meistersingern‘ und das Lied an den Abendstern aus ‚Tannhäuser‘. […]

Der Wiener Tag, 24. 2. 1938, S. 8

Die Besetzung der Oper Tannhäuser, die Arturo TOSCANINI und Herbert GRAF für die Festspiele 1938 einstudieren sollten, wurde bereits im November 1937 bekanntgegeben:

Alexander KIPNIS als »Landgraf«, eine Rolle, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft dem Staatsopernsänger Herbert Alsen zufiel. Er stand in der Endphase des Vernichtungskrieges auf Adolf Hitlers »Gottbegnadeten-Liste« und erhielt 1947 im befreiten Österreich den Titel »Kammersänger«.

Ehe Deutschland den Zweiten Weltkrieg eröffnete, hatte Alexander KIPNIS noch Auftritte in Europa. Als er auf dem holländischen Passagierschiff Johan Van Oldenbarnevelt am 9. September 1939 in New York eintraf, herrschte Krieg in Europa.

Fortan war die Metropolitan Opera in New York für Alexander KIPNIS die zentrale Wirkungsstätte. Nach dem Ende seiner Bühnenkarriere war er ein gefragter Gesangspädagoge.

Alexander KIPNIS starb 87-jährig am 14. Mai 1978 in Westport, Connecticut. Sein Grab befindet sich auf dem Willowbrook Cemetery.

Seine Frau Mildred starb zwei Jahre später. Ihr Sohn Igor war Cembalist und Musikschriftsteller. Er starb 2002 in Redding, Connecticut.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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