Erich Kleiber

HIER WIRKTE
ERICH KLEIBER
JG. 1890
DIRIGENT
FLUCHT
ARGENTINIEN
Erich Kleiber<br>Quelle: wikimedia.org
Erich Kleiber
Quelle: wikimedia.org

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Erich KLEIBER, am 5. August 1890 in der Haupt- und Residenzstadt Wien geboren und in der Pfarre St. Josef zu Margareten katholisch getauft, war das jüngere von zwei Kindern des Ehepaares Veronika, geborene Schöppl, und Dr. phil. Otto Kleiber, Gymnasialprofessor, beide früh verstorben, weshalb ihre beiden Kinder bei Verwandten aufwuchsen.

Erich KLEIBER studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Musik in Prag. Gut dokumentiert sind vor allem seine Engagements als Dirigent in deutschen Musikstädten und im Speziellen seine Tätigkeit als Generalmusikdirektor an der Berliner Staatsoper mit spektakulären Uraufführungen zeitgenössischer Werke der Komponisten Alban Berg, Ernst Krenek, Darius Milhaud, Arnold Schönberg und Igor Strawinsky von 1923 bis 1934.

In der Musikstadt Wien galt die im Jahr 1921 von Alban Berg fertiggestellte Oper Wozzeck als schwer realisierbar. Ihre Uraufführung am 14. Dezember 1925 an der Berliner Staatsoper unter der Leitung von Erich KLEIBER fand daher auch in Wien viel Beachtung und sogar Bewunderung.

Der Wiener Musikkritiker Paul Stefan (Grünfeld) schreibt:

… er [KLEIBER] brachte den ‚Wozzeck‘ heraus, was bis jetzt als unmöglich gegolten hatte. Noch vor zwei Jahren, als der Klavierauszug erschien, sagten alle Intendanten, Direktoren und Kapellmeister: Das bringen wir nicht zustande. Und in der Tat – es ist wohl das schwerste, was für die Opernbühne geschrieben wurde. Die Schwierigkeit ist gelöst. Und hier wunderbar gelöst. […]
Der Eindruck war trotz der Kühnheit der Musik ganz ungewöhnlich. Stürmischer Beifall und zahllose Hervorrufe ehrten Sänger, Kleiber und Alban Berg.

Die Stunde, 17. 12. 1925, S. 8

Erich KLEIBER gewann an internationalem Renommee. Das zeigt sich in der steigenden Zahl von Auslandstourneen. 1926 dirigierte er erstmals am Teatro Colón, Buenos Aires.

In der US-amerikanischen Botschaft lernte er seine Frau kennen: Ruth Goodrich, die als Ruth Baumgardner am 30. September 1900 in den USA (Waterloo, Iowa) geboren wurde.

Sie heirateten am 29. Dezember 1926 in Berlin und bekamen zwei Kinder: Veronika (geb. 1928) und Karl (geb. 1930), der später als Carlos Kleiber Karriere machte.

In der deutschen Öffentlichkeit blieb die jüdische Herkunft der Ehefrau Erich KLEIBERs unbekannt, obschon er als Generalmusikdirektor wegen seines Engagements für die moderne Musik von der nationalsozialistischen Presse heftig attackiert wurde.

Es gelang ihm dennoch am 30. November 1934, somit während der NS-Herrschaft, Alban Bergs Lulu-Suite (Stücke aus dem Opern-Fragment Lulu) an der Berliner Staatsoper aufzuführen.

Anerkennung fand KLEIBERs Zivilcourage in der österreichischen Musikstadt Wien:

Alban Bergs Berliner Erfolg ist umso interessanter und bedeutungsvoller, als die zahlreichen deutschen Theater, die Bergs Oper ‚Wozzeck‘ aufführten, sämtlich ihre Spielpläne gleichschalteten und das Werk nicht mehr gaben. Der zweiten Oper Bergs [Lulu-Fragment] schien kein besseres Schicksal vergönnt zu sein.
Trotzdem wagte es mit anerkennenswerter Zivilcourage Erich Kleiber, wenn schon nicht das ganze Werk aufzuführen, so doch fünf Stücke aus der ‚Lulu‘-Musik. Sie haben den großen unbestrittenen Erfolg in dem jüngsten Symphoniekonzert des Opernhauses ‚Unter den Linden‘ errungen.

Die Stunde, 4. 12. 1934, S. 4

Im nationalsozialistischen Deutschland galt der Wiener Komponist Alban Berg, obschon weder Jude noch Kommunist, als »Kulturbolschewik«. Die Angriffe zielten ebenso auf Erich KLEIBER als Verfechter der verfemten modernen Musik. Seine Tage in Berlin waren daher gezählt.

Nach der hitzigen Debatte um den Berliner Operndirektor Wilhelm Furtwängler – er wurde durch den aus Wien abgewanderten Operndirektor Clemens Krauss ersetzt – erklärte KLEIBER seinen Rücktritt als Generalmusikdirektor. Anfang 1935 verließ er Berlin.

Eine Zeit lang lebte die Familie in der Nähe von Salzburg. Hier feierte Erich KLEIBER am 5. August 1935 seinen 45. Geburtstag. Im Festspielsommer 1935 dirigierte er – anstelle der geplanten, aber vom Programm abgesetzten Oper Elektra von Richard Strauss – zwei Orchesterkonzerte: Mozart, Bach und Beethoven im Mozarteum sowie Dvorák, Schubert und Josef Strauss im Festspielhaus.

Erich KLEIBERs Festspieldebüt am 31. Juli 1935 hinterließ bei Musikkritikern fesselnde Eindrücke:

Im zweiten Festkonzert der Wiener Philharmoniker debütierte Erich Kleiber, der sich nach seinem Abgang aus Berlin hier in der Nähe niedergelassen hat, als Salzburger Festspieldirigent. Der 45-jährige Mann, von kleiner Gestalt, mit zunächst unbewegtem Gesicht, aber von spürbarer innerer Spannung erfüllt, dirigierte eine kleine Mozart-Symphonie (B-dur, KV 319) mit sparsamen Gesten und selbstverständlicher Einfachheit; er leitete die Begleitmusik zu einem Bach‘schen Klavierkonzert (D-moll) ganz in versonnenem Hineinhören in das strenge, altklassische Werk.
Aber er wird zum Dämon seines Orchesters, wenn er Beethoven spielt, und dies gerade in der flüssigen VII. Symphonie mit ihren tänzerischen und oft volkstümlichen Rhythmen. Hier weiß er seine Hörer von den ersten Akkordschlägen an zu packen. Die Gestalt wird beweglich, das Antlitz erhält einen herben, kämpferischen Zug, die Arme breiten und strecken sich, um mit Wucht auf die Fortestellen niederzusausen. […]
Ohne Zweifel eine Bereicherung der Salzburger Dirigentenliste; nach der bedeutenden Stellung zu schließen, die Kleiber als Generalmusikdirektor neben Furtwängler und Leo Blech an der Berliner Staatsoper innegehabt hat, müsste er als gebürtiger Wiener auch für Wien ein kommender Mann sein.

Salzburger Volksblatt, 1. 8. 1935, S. 7f.

Als couragierter Verfechter verfemter Musik war KLEIBER allerdings weder in Wien noch in Salzburg erwünscht. Er blieb ein Unbequemer, der in Österreich nicht Fuß fassen konnte. Seine Hoffnungen auf ein festes Engagement zerschlugen sich.

In Europa war Erich KLEIBER ein reisender Gastdirigent, ehe er mit seiner Familie nach Südamerika emigrierte und einen Lebens- und Wirkungsort fand: Buenos Aires mit seinem Teatro Colón. Die Familie KLEIBER, die 1938 ihre österreichische Staatsbürgerschaft verlor, wurde umgehend in Argentinien eingebürgert.

Seit 1948 war Erich KLEIBER wieder Gastdirigent in Europa. Er dirigierte zum Beispiel ein Orchesterkonzert beim 2. Internationalen Musikfest, das im Juni 1948 in Wien stattfand.

Auch sein Engagement in der geteilten Stadt Berlin war von kurzer Dauer. Sein versuchter »Brückenschlag« zwischen Ost und West scheiterte. Daraufhin hieß es in Wien:

Gewiß: Kleiber ist ein großer Dirigent und ein gebürtiger Wiener, und man wird es sicher nicht versäumen, ihn einmal für ein Gastspiel an die Wiener Oper zu bitten. Aber das hat Zeit.
Die österreichische Furche, 2. 4. 1955

Mozart zu Ehren gab KLEIBER mit dem Kölner Rundfunkorchester ein Konzert – sein letztes Konzert. Am 27. Jänner 1956, dem 200. Geburtstag Mozarts, starb Erich KLEIBER 65-jährig in einem Züricher Hotel.

Auf die nach seinem Tod verbreiteten Gerüchte über Einladungen in Österreich erwiderte sein Sohn Carlos:

Es haben keine Verhandlungen stattgefunden, Erich Kleiber an die Wiener Oper zu binden und ebenso wenig ist mit ihm jemals darüber gesprochen worden, daß er bei den Salzburger Festspielen mitwirken solle.
Salzburger Nachrichten, 1. 2. 1956

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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