Hermann Kohn

HIER WOHNTE
HERMANN KOHN
JG. 1882
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 LUBLIN
ERMORDET IN
MAJDANEK
Meldeschein von Bertha & Hermann Kohn
Meldeschein von Bertha & Hermann Kohn

Wolf-Dietrich-Straße 14

Kohn, Bertha Kohn, Hermann

Hermann KOHN, der am 28. November 1882 als erstes Kind der Sali Heller und des Kantors Adolf Kohn in Aspern an der Donau geboren wurde, war seit August 1907 Kantor der Synagoge in Salzburg, Lasserstraße 8. Im Juni 1911 heirateten Hermann Kohn und Bertha Schwarz, eine Tochter des Ehepaares Sofie und Gustav Schwarz, der Religionslehrer und Vorstandsmitglied der unter dem renommierten Rabbiner Dr. Adolf ALTMANN gegründeten Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg war. Das Ehepaar Bertha und Hermann KOHN wohnte zunächst bei der Familie Schwarz im Andrä-Viertel, Hubert Sattler-Gasse 3 und Haydnstraße 10, und seit 1917 unweit davon im Haus Wolf Dietrich-Straße 14, 1. Etage.

Das Vorhaben des Ehepaares Kohn, die jüdischen Bewohner und Gäste der Stadt mit koscheren Speisen zu versorgen, stieß bei der Interessenvertretung des Schankgewerbes und bei der Gewerbebehörde auf Ablehnung. Da aber das antisemitische Salzburg bei höheren Instanzen kein Gehör fand, erhielt Hermann KOHN am 13. Jänner 1912 seine Gewerbekonzession. Das Koscher-Restaurant des Ehepaares KOHN befand sich im Parterre des Hauses Haydnstraße 10, somit im gutbürgerlichen Andrä-Viertel, wo jüdische Familien, zum Beispiel Altmann, Aninger, Bäck, Bonyhadi, Fischer, Klüger, Löwy, Nalos, Pollak, Schönbrunn, Schönhorn, Spiegel, Stein, Weihs, Weinstein und Winkler, seit den 1880er Jahren mit Vorliebe wohnten, speziell in den Faber- und Hellerhäusern, die schon wegen ihrer Bauherren im antisemitischen Salzburg als »Judenhäuser« tituliert wurden, und in deren Nähe sich ihre im Jahr 1901 errichtete Synagoge befindet.

In der »Reichskristallnacht« vom 9. zum 10. November 1938 wurde die Synagoge verwüstet und erheblich beschädigt. Rabbiner Dr. David Samuel Margules, der mit weiteren Juden aus Salzburg vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert war, konnte mit seiner Familie nach England flüchten. Biografien Salzburger Familien, denen die Flucht in die freie Welt gelang, sind längst erforscht. Die Shoah hingegen blieb lange Zeit unbeachtet. Das Ehepaar KOHN, das sein koscheres Speisehaus schon vor der Pogromnacht schließen musste, wurde im November 1938 aus Salzburg vertrieben – laut der amtlichen Abmeldung nach Kanitz (Kanice) in Mähren, in die damals noch freie Tschechoslowakei, seit März 1939 »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren«, wo vermutlich Hermann KOHNS jüngere Geschwister lebten, die zeitweise in seinem Salzburger Restaurant gearbeitet hatten.

Gewiss ist, dass der 59-jährige Kantor Hermann KOHN, dessen wundervolle Stimme den Überlebenden in guter Erinnerung blieb, am 22. Mai 1942 von Trebitsch (Trebic) in Mähren im »Transport Aw« nach Theresienstadt, nach drei Tagen, am 25. Mai, im »Transport Az« nach Lublin-Majdanek in Polen deportiert und dort ermordet wurde.1

Die Schicksale seiner jüngeren Geschwister Walter, Elma (Adelma) und Frieda liegen im Dunkeln. Nach wie vor ungeklärt ist auch der Schicksalsverlauf seiner am 24. Juni 1874 in Gmunden geborenen Ehefrau Bertha (im besagten »Transport Aw« befand sich eine Frau gleichen Namens, jedoch mit dem Geburtsdatum 26. August 1872). Gewiss ist allerdings, dass Bertha KOHNs Geschwister Josefine Reis und Veronika Mamma sowie deren Ehemann Adolf Mamma in Treblinka ermordet wurden (das im Jahr 1896 in Salzburg getraute Ehepaar Mamma hatte vier in Salzburg geborene Kinder, darunter zwei Shoah-Opfer). Das Grab ihrer Eltern respektive Großeltern Sofie, geborene Nossal, und Gustav Schwarz befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen.

1 Adolf Eichmann erhielt am 11. Jänner 1943 einen verschlüsselten Funkspruch des SS-Sturmbannführers Hermann Höfle mit den Zahlen der bis Jahresende 1942 in Lublin-Majdanek, Sobibor, Belzec und Treblinka ermordeten Juden: »… zusammen 1274166«. Der vom britischen Geheimdienst entschlüsselte und unter Verschluss gehaltene Funkspruch wurde erst im Jahr 2000 freigegeben. Hierauf kam die Rolle des Salzburgers Hermann Höfle wieder zur Sprache (Peter Witte, Stephen Tyas: A new Document on the Deportation and Murder of Jews during ‚Einsatz Reinhard’ 1942, in: Holocaust and Genocide Studies 15/3, pp. 468-486). Der am 19. Juni 1911 in Itzling (einst Gemeinde Gnigl) geborene Hermann Höfle war Mechaniker und Chauffeur in Salzburg, im November 1938 aktiv Beteiligter am Pogrom, auch Nutznießer der Vertreibung Salzburger Juden (die von Adolf JACOBY geräumte Wohnung im Haus Hubert Sattler-Gasse 13 war bis 1946 von der Familie Höfle besetzt) und während des Vernichtungskrieges »Judenreferent« im Stabe des Höheren SS- und Polizeiführers Odilo Globocnik, in dieser Funktion Organisator der »Aktion Reinhard«, somit einer der Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung im »Generalgouvernement«. Hermann Höfle, der im Jahr 1947 zu seiner Familie nach Salzburg zurückkehrte und zuletzt in Parsch lebte, sollte sich im Zuge des Eichmann-Prozesses seiner Verantwortung für die Shoah stellen: Höfle erhängte sich am 21. August 1962 in seiner Gefängniszelle in Wien (siehe: Winfried R. Garscha: Das Scheitern des ‚kleinen Eichmann-Prozesses’ in Österreich).

Autor:Gert Kerschbaumer
Recherche:Verena Wagner, Ida Olga Höfler

Benachbarte Stolpersteine

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Wolf-Dietrich-Straße 18 76m 76m, 330°  Hertzka, Konrad
Paris-Lodron-Straße 9 88m 88m, 247°  Graber, Johann
Horst, Otto
Franz-Josef-Straße 33 88m 88m, 67°  Leitner, Juliana
Wolf-Dietrich-Straße 33 120m 120m, 326°  Raspotnig, Rudolf

Stolperstein

verlegt am 23.06.2009 in Salzburg, Wolf-Dietrich-Straße 14.

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