Lotte Lehmann

HIER WIRKTE
LOTTE LEHMANN
JG. 1888
SÄNGERIN
 FLUCHT 1938
USA
Lotte Lehmann<br>Quelle: britannica.com
Lotte Lehmann
Quelle: britannica.com
Signierte Autogrammkarte Lotte Lehmann & Arturo Toscanini<br>Quelle: taminoautographs.com
Signierte Autogrammkarte Lotte Lehmann & Arturo Toscanini
Quelle: taminoautographs.com
Lotte-Lehmann- Promenade<br>Foto: Gert Kerschbaumer
Lotte-Lehmann- Promenade
Foto: Gert Kerschbaumer
Ehrengrab der Stadt Wien<br>Quelle: findagrave.com
Ehrengrab der Stadt Wien
Quelle: findagrave.com

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Lotte (Charlotte) LEHMANN, am 27. Februar 1888 in Perleberg nordwestlich der deutschen Reichshauptstadt Berlin geboren und evangelisch getauft, war das jüngere von zwei Kindern des Ehepaares Marie, geborene Schuster, und Karl Lehmann, Verwaltungssekretär in Perleberg.

Lotte LEHMANN studierte Gesang in Berlin und debütierte am Hamburger Stadttheater in Mozarts Zauberflöte. Sie besetzte im Laufe ihrer Karriere als Sopranistin aber vornehmlich Opernrollen von Richard Wagner und Richard Strauss.

Sie war noch in Hamburg engagiert, als sie 26-jährig im Oktober 1914 – drei Monate nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges – an der Wiener Hofoper ein Gastspiel absolvierte: als »Evchen« in Richard Wagners Meistersingern unter der musikalischen Leitung von Franz Schalk.

Im Neuen Wiener Journal erschien eine mit »E. B.« (Elsa Bienenfeld) signierte Musikkritik:

… Das Evchen war ein reizendes Fräulein Lotte Lehmann vom Hamburger Stadttheater, mit einer lieben, angenehmen Stimme und musikalischem Sinn begabt.
Eine Sängerin, die neu im Wiener Opernhaus; aber man wird sich freuen, ihr öfter zu begegnen. […] E. B.

Neues Wiener Journal, 31. 10. 1914, S. 9

Lotte LEHMANN ließ sich – entgegen anderslautenden Erzählungen – erst Anfang des dritten Kriegsjahres an die Wiener Hofoper verpflichten. Da war Kaiser Franz Joseph noch am Leben. Zur Feier seines 86. Geburtstages eröffnete die Hofoper ihr Spieljahr mit der Kaiserhymne und der romantischen Oper Der Freischütz unter dem Hofkapellmeister Leopold Reichwein – eine Aufführung, die allerdings in den Annalen der Wiener Hof- und Staatsoper nicht aufscheint.

Seltsam ist außerdem, dass bloß eine betont deutschnational ausgerichtete Tageszeitung über die Eröffnungsvorstellung und somit über das Debüt des 28-jährigen Ensemblemitgliedes der Hofoper berichtete:

… Der erste Abend führte ein neues Mitglied des Hauses ein: Fräulein Lotte Lehmann als Agathe. Das war ein Kommen und ein volles Siegen! […]
Deutsches Volksblatt, Wien, 19. 8. 1916, S. 7

Erfolg und Anerkennung waren ihr, obschon »Preußin«, an der Wiener Hofoper rasch beschieden. In der Uraufführung der Oper Ariadne auf Naxos, die am 4. Oktober 1916 in Gegenwart des Komponisten Richard Strauss stattfand, glänzte Lotte LEHMANN in der Hosenrolle »Der Komponist«. Die Hauptrolle war allerdings mit der als »Primadonna assoluta« gefeierten Maria Jeritza besetzt.

Einem Wiener Kritiker war der »Rummel« um Maria Jeritza als Primadonna noch in den 1920er Jahren ein Ärgernis:

Der Primadonnen-Rummel der Frau Jeritza schadet der Oper auch insofern, als er den Eindruck erweckt, als würde es sich gar nicht lohnen, in die Oper zu gehen, wenn die Jeritza nicht singt.
Die Stunde, 25. 9. 1923, S. 5

Als die Oper Ariadne auf Naxos auf dem Programm der Salzburger Festspiele 1926 stand, stellte Maria Jeritza, die gerade ihre Sommerfrische am Attersee verbrachte, »ein einmaliges Auftreten in Aussicht«. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie jedoch ihre Alleinstellung als Primadonna bereits verloren, wie der Presse zu entnehmen ist:

Lotte Lehmann, die gefeierte Primadonna der Wiener Staatsoper, wurde zur Kammersängerin ernannt.
Salzburger Chronik, 19. 2. 1926, S. 6

Es zeigt sich, dass der Komponist Richard Strauss hinter den Kulissen die Fäden zog: Sein Favorit für die musikalische Leitung seiner Oper Ariadne auf Naxos im Festspielsommer 1926 hieß Clemens Krauss, Opernintendant in Frankfurt am Main. Sein Regisseur war Lothar WALLERSTEIN.

Beide galten an der Wiener Staatsoper als Gäste, als sie unter Mitwirkung des Wiener Bühnenbildners Oskar Strnad im Salzburger Stadttheater (heute Landestheater) die Oper Ariadne auf Naxos genial inszenierten – hoch gelobt als »Salzburger Ariadne«. Am 18. August gab Lotte LEHMANN ihr Festspiel-Debüt als »Primadonna – Ariadne«:

… So schwierig und anstrengend die Rolle der Ariadne sein mag (Lotte Lehmann), deren Gesangspart sich, durch wenige Intermezzos unterbrochen, wie ein goldener Faden die ganze Länge dieses einen Aktes hindurchzieht, ebenso klassisch wurde sie gesungen.
In dankbarer Hingebung lauschte das Haus dem Zauber und dem Schimmer dieser klagenden Stimme, die sich erst am Schlusse in ungetrübtem Jubel entfaltet. […]

Salzburger Chronik, 19. 8. 1926, S. 5

In den nächsten Festspielsommern gab es aus unerklärlichen Gründen keine »Salzburger Ariadne«. Die originellen Szenenbilder von Oskar Strnad konnten immerhin in der Wiener Staatsoper Verwendung finden.

Lotte LEHMANN hatte noch vor ihrem Festspiel-Debüt »in aller Stille« im Wiener Rathaus ihren langjährigen Geliebten Otto Krause geheiratet: eine Zivilehe zwischen Partnern, die verschiedenen Religionen angehörten. Die Frau war Christin und der Mann Jude, geschieden.

Er hatte aus seiner ersten Ehe vier Kinder, die noch minderjährig waren. Lotte LEHMANN, seit ihrer Heirat österreichische Staatsbürgerin, hatte außerdem für ihre in Hinterbrühl bei Wien lebenden Eltern zu sorgen.

Im Jahr darauf, zum Abschluss der Wiener Beethoven-Zentenarfeier, gab Lotte LEHMANN ihr Debüt als »Leonore« in der von Lothar WALLERSTEIN an der Staatsoper neu inszenierten Oper Fidelio – gepriesen als »Apotheose der Freiheit, Liebe und Menschlichkeit«.

Die Musikwissenschaftlerin Dr. Elsa Bienenfeld (Signum »E. B.«), Mitwirkende an der Wiener Beethoven-Zentenarfeier, veröffentlichte eine profunde Kritik an der Neuinszenierung:

… Weitaus der bessere Teil der Aufführung ist dem Orchester, den Sängern und dem musikalischen Führer [Schalk] zu verdanken. Die Leonore Lotte Lehmanns ragt hervor. Sie hat die Partie musikalisch und gesangtechnisch meisterhaft gegliedert. Schon im Quartett singt sich die warme, gütige, milde Frauenstimme jedem Zuhörer ins Herz. Die große Arie wird ein Drama für sich: ein Seelengemälde in starken und feinen Tonfarben.
Zur heroischen Gebärde, zur Siegeszuversicht, zum strahlenden E-dur muß sich die sanfte Natur dieser Stimme und dieser Sängerin zwar mit Anspannung zwingen; aber im Ausdruck der liebevollen Güte, in der Empfindungskantilene dringt ihr unaussprechlicher Wahrhaftigkeitszauber durch.
Groß ist der Ausruf ‚Töt‘ erst sein Weib‘ und von Klangschönheit unvergleichlich erfüllt die wundervolle Melodie im Finale ‚Ach, welch ein Augenblick!‘, die von hochdramatischen Sängerinnen ganz fallen gelassen wird. Nicht gering zu schätzen, daß die Leonore der Lotte Lehmann jung und schlank durch das Stück geht. Ein ausgezeichneter Besetzungseinfall. […] E. B.

Neues Wiener Journal, 2. 4. 1927, S. 10f.

Im Salzburger Festspielhaus, das der Architekt Clemens Holzmeister in eine Opernbühne verwandelte und mit Szenenbildern ausstattete, wurde erstmals am 13. August 1927 eine Oper gespielt: Fidelio, die Wiener Inszenierung von Lothar WALLERSTEIN mit Lotte LEHMANN als »Leonore«, ein geglücktes Experiment, sofern man der Kritik von Elsa Bienenfeld Glauben schenkt:

… Schon nach den ersten Takten der E-dur-Ouvertüre, die unter der Leitung Schalks in der Generalprobe erklangen, horchte man überrascht auf. Das war wunderbarer Klang, voll, gesättigt, schwingend. Der Ton füllt den Raum, breitet sich wohlig aus, schlägt nicht zurück, hallt nicht; die Luft scheint mitzuschwingen wie im Resonanzkasten einer edlen Geige. […]
Bewundernd hört man Lotte Lehmann die berühmte Leonoren-Arie singen.

Neues Wiener Journal, 16. 8. 1927, S. 3

Der Ruf des Festspielhauses als Opernbühne war allerdings gut ein Jahrzehnt umstritten: »weder Fest noch Bühne«. Ein Blick in die Annalen der Festspiele genügt, um zu sehen, dass Beethovens »Leonore« bis zum Festspielsommer 1937 beinahe ausschließlich Lotte LEHMANNs Rolle war.

Am 12. August 1929 stand Clemens Krauss als neuer Direktor der Wiener Staatsoper am Pult des Festspielhauses: Er dirigierte den Rosenkavalier von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal: eine Musikkomödie, die Lothar WALLERSTEIN für Salzburg neu inszenierte und die ein Musikkritiker zur »österreichischen Nationaloper« erwählte.

Lotte LEHMANN wirkte fortan im Rosenkavalier als »Feldmarschallin«. Ihre Frauenstimme faszinierte wieder die Wiener Musikkritikerin Elsa Bienenfeld:

… Die Salzburger Aufführung erhält durch die Feldmarschallin der Lotte Lehmann und den Ochs von Lerchenau Richard Mayrs Glanz und den hinreißenden Zauber der Anmut und Liebenswürdigkeit. Lotte Lehmann hat, von Dr. Wallerstein angeregt, ihre Partie noch durch Charakterisierungszüge bereichert. Wie sie die Wehmut der noch schönen und verführerischen Frau, die erste Ahnung des Alters, der Zeit und der Vergänglichkeit spürt, schmerzhaft und zugleich mit heiterem Gleichmut dem Schicksal ergeben, darstellt, ist von so ergreifender Hoheit und Güte, daß kein Auge trocken bleibt.
Wunderbar der Klang dieser seelenhaft bewegten Frauenstimme, in der sich jede Gemütsregung wie in einer klaren Quelle spiegelt. […]

Neues Wiener Journal, 14. 8. 1929, S. 3f.

Die »Feldmarschallin« war ebenso wie die »Leonore« beinahe ausschließlich Lotte LEHMANNs Rolle bis zum Festspielsommer 1937.

In den Annalen der Salzburger Festspiele ist eine weitere Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal verzeichnet, an der Lotte LEHMANN mitwirkte: Die Frau ohne Schatten, eine mit Symbolen befrachtete und daher schwer verständliche Märchenoper.

Die Frau ohne Schatten wurde im Februar 1931 an der Wiener Staatsoper von Lothar WALLERSTEIN neu inszeniert und erstmals im Festspielsommer 1932 aufgeführt. Zweimal sang Lotte LEHMANN die Partie der »Färberin«:

… Das Unvergeßlichste aber an der herrlichen Aufführung ist Lotte Lehmann, die als Weib des Färbers Barak nicht nur durch den berückenden Wohlklang ihrer Stimme und durch die vollendete Kunst ihres Gesanges, sondern vor allem durch ihre tief verinnerlichte Auffassung zur Bewunderung zwingt. Übrigens hält sie die riesigen Anforderungen stellende Partie mühelos bis zum Ende durch.
Salzburger Volksblatt, 20. 8. 1932, S. 7

An der Wiener Staatsoper war Lotte LEHMANN am 17. Oktober 1932 zum letzten Mal als »Färberin« zu hören, ehe sie zu ihrer dritten Amerika-Tournee aufbrach. Sie reiste wie in den Vorjahren in Begleitung ihres Ehemannes Otto Krause nach New York.

Im November 1932 gab sie ihr erstes Konzert in der Carnegie Hall: »for the benefit of the Educational Department of the NY Women’s Trade Union League (Mrs. Roosevelt made an appeal for the benefit of Women Victims of Depression)«.

Lotte LEHMANN ging auch im nächsten Winter auf Amerika-Tournee. Am 11. Jänner 1934 debütierte sie an der Metropolitan Opera. Am 11. Februar gab sie in der Radio City Music Hall ihr erstes Konzert mit Arturo TOSCANINI. Am 19. März war er Zuhörer ihres Abschiedskonzertes in New York.

Arturo TOSCANINI, der 1933 seine Mitwirkung an den Bayreuther Festspielen verweigert hatte, erwählte Lotte LEHMANN auf ihrer vierten Amerika-Tournee zu seiner Lieblingssängerin.

Eine Randnotiz ist, dass im Frühjahr 1934 Hermann Görings Vorhaben in der Reichshauptstadt Berlin missglückte, Lotte LEHMANN als international gefeierte Primadonna an Nazi-Deutschland zu binden. Sie galt dort als unerwünscht, als sie im Festspielsommer 1934 erstmals als Interpretin von Liedern Richard Wagners in einem Konzert TOSCANINIs auftrat, worüber Hermann Wittgenstein im Neuen Wiener Journal enthusiastisch zu berichten wusste:

Richard-Wagner-Konzert der Philharmoniker unter Toscanini. […]
Lotte Lehmann sang zuerst die Hallenarie aus Tannhäuser und dann drei der schönsten Wesendonck-Lieder mit einer Wärme und Innigkeit, die, von der Persönlichkeit und dem zauberhaft satten und betörenden Klang einer von Geist und Herz durchpulsten Stimme erfüllt, erschütternden Genuß bereiteten. Interessant die impulsive, noch kaum je erlebte Hast, mit der Toscanini die Einleitung zur großen Arie heranstürmen läßt, atemberaubend für Ausführende und Hörer, und diesen übererregten, jubelnden Charakter dem Stück bis zum Schluß aufzwingt.
Nur eine so überragende Künstlerin wie die Lehmann und das unheimlich virtuos veranlagte Orchester der Wiener Philharmoniker konnten solchem Zugriff erfolgreich standhalten. […]

Neues Wiener Journal, 28. 8. 1934, S. 10

Am 10. Oktober bot sich auch dem Publikum im Großen Musikvereinssaal die Gelegenheit, TOSCANINIs Konzert mit Lotte LEHMANN zu erleben. Ehe sie zu ihrer fünften Amerika-Tournee aufbrach, gab sie wie in den Vorjahren ihren Abschiedsabend, nun aber in Gegenwart TOSCANINIs.

Lotte LEHMANN äußerte kein Bedauern, als sie auf ihrer Tournee erfuhr, dass sich der Wiener Operndirektor Clemens Krauss in die Reichshauptstadt Berlin verabschiedet hatte. Schon im Februar 1935 konnte man in der Wiener Presse lesen, dass TOSCANINI den Fidelio anstelle von Clemens Krauss im nächsten Festspielsommer dirigieren wird.

Am 7. August hatte TOSCANINIs Fidelio mit Lotte LEHMANN als »Leonore« im Festspielhaus Premiere:

Das ‚Fidelio‘-Wunder Toscaninis. Das Feuer Toscaninis hat alle entbrannt, auch den Oberspielleiter Dr. Wallerstein. Endlich, seit Franz Schalks Tod, ist wieder ein wahrer Fidelio da. Leonore: Frau Lotte Lehmann. Hinreißende Leistung, in Ton, Wort und Gebärde voll edelster Innigkeit. […] Otto Kunz
Salzburger Volksblatt, 8. 8. 1935, S. 6f.

Lotte LEHMANNs sechste Tournee in den USA dauerte fünfeinhalb Monate. An der Wiener Staatsoper war sie ein rarer Gast. Im Festspielsommer 1936 sang sie wieder ihre »Leonore« und erstmals unter TOSCANINIs Stabführung die Partie der »Eva« in den Meistersingern von Nürnberg:

… Für Lotte Lehmann gilt, was Wagner von einem seiner Lieblingssänger sagte. Wenn sie auftritt, fragt man nicht: Wie ist sie? Sondern man sagt sich: So ist sie! Eine Eva, die durch Schönheit und Innerlichkeit ergreift, zu Tränen rührt und im Quintett mit Meisterschaft führt. […] Josef Reitler
Neue Freie Presse, 9. 8. 1936, S. 1-3

Neun Monate dauerte Lotte LEHMANNs siebente Tournee in Amerika und Australien. Ende Juni 1937 reiste sie nach Europa, um in Salzburg zu den Proben unter TOSCANINIs Szepter pünktlich zu erscheinen.

Sein Fidelio hatte am 24. Juli Premiere: Spalier stehende Schaulustige längs der Auffahrt zum Festspielhaus, gezählte 330 Limousinen, viel Glamour und Prominenz, an ihrer Spitze Sara D. Roosevelt, die Mutter des Präsidenten der USA, und das frisch getraute Herzogpaar Windsor (vormals King Edward VIII und Mrs. Wallis Simpson).

Arturo TOSCANINI blieb davon unbeeindruckt:

Toscanini erscheint. Ein Sturm der Begeisterung erhebt sich. Der Maestro wehrt ihn ab und hebt den Taktstock. ‚Fidelio‘ beginnt. […]
Und dann Leonore: Lotte Lehmann. Die Einleitungstakte zum Quartett setzen ein. Der Gesichtsausdruck der Künstlerin interpretiert die musikalische Linie. Prachtvolle Verkörperung der fraulichen Gefühle in Wort, Ton und Gestik. […] Otto Kunz

Salzburger Volksblatt, 26. 7. 1937, S. 5

Am 20. August 1937 hatte Lotte LEHMANN als Liedsängerin, begleitet von Bruno WALTER am Klavier, ihr sechstes und letztes Konzert im Mozarteum. Es hieß, dass der Applaus kein Ende nehmen wollte.

Am 24. August 1937 hatte Lotte LEHMANN ihren neunzehnten und letzten Auftritt als »Feldmarschallin« im Festspielhaus – mit einem Rekordergebnis: man zählte 485 Limousinen und zehn Pferdekutschen bei der Auffahrt zum Rosenkavalier, den der im Deutschen Reich in Ungnade gefallene Dirigent Hans Knappertsbusch dirigierte.

Am 26. August 1937 hatte Lotte LEHMANN ihren siebenundzwanzigsten und letzten Auftritt als »Leonore« im Festspielhaus. Im Publikum saßen Österreichs autoritär regierender Bundeskanzler Kurt Schuschnigg und der französische Gesandte Gabriel Puaux.

Beim anschließenden Souper im Nobelhotel Österreichischer Hof erhielt Lotte LEHMANN »für ihre weltumspannende Gesangskunst« eine Auszeichnung, die traditionell den Männern vorbehalten blieb: das französische Offizierskreuz der Légion d’Honneur (Ehrenlegion). Da ehrte man eine Künstlerin, um sich in ihrem Weltruhm zu sonnen.

Nachzutragen ist, dass im Verlauf des Jahres 1937 in einem Wiener Verlag, der die in Deutschland verbotenen Werke von Stefan ZWEIG publizierte, von Lotte LEHMANN zwei Bücher erschienen: ihr Roman Orplid, mein Land und ihre Memoiren Anfang und Aufstieg.

Ihren Memoiren ist nicht zu entnehmen, dass sie Österreichs gewaltsames Ende vorausahnte. In der Presse konnte man bereits im September 1937 lesen, dass im Festspielsommer 1938 die Oper Tannhäuser von Richard Wagner unter der Leitung von Arturo TOSCANINI mit Lotte LEHMANN als »Elisabeth« zur Aufführung gelangen wird.

Anfang Oktober 1937 gab sie ihr Wiener Abschiedskonzert. Sie hatte noch einen Auftritt in Paris und reiste dann mit ihren Dienstmädchen, ihren Hunden und ihrer Limousine auf dem deutschen Luxusdampfer Europa von Bremen nach New York.

Am 12. Jänner 1938 berichtete The New York Times über einen Liederabend Lotte LEHMANNs in der Carnegie Hall: »for the benefit of the Educational Department of the New York Women’s Trade Union League (Mrs. Roosevelt honorary chairman)«.

Ende Jänner 1938 ließ Lotte LEHMANN ihr Wiener Publikum wissen, dass sie noch im April heimzukehren gedenke. Es kam jedoch anders als erhofft, da Bundeskanzler Schuschnigg am 12. Februar 1938 auf dem Obersalzberg vor dem deutschen Reichskanzler Adolf Hitler kapitulierte.

Lotte LEHMANN befand sich noch in New York, als Schuschnigg im März 1938 seinen Rücktritt als Bundeskanzler verkündete – mit den häufig zitierten Schlussworten »Gott schütze Österreich!«

Doch wer schützte Österreichs Jüdinnen und Juden, denen die Flucht in die freie Welt misslang? Wusste Lotte LEHMANN, wie es der ihr gewogenen Musikkritikerin Elsa Bienenfeld in Wien unter dem nationalsozialistischen Terrorregime erging? 1

Ende März 1938 gab Lotte LEHMANN noch einen Liederabend in New York: »for the benefit under the Auspices of the Central Synagogue Sisterhood«. Ende April 1938 reiste sie nach Europa, jedoch nicht in das von Deutschland besetzte Österreich, sondern nach England, wo sie Auftritte an der Covent Garden Opera unter Erich KLEIBER hatte, anschließend nach Den Haag und Paris.

Von Le Havre reiste sie mit Ludwig, Otto und Peter Krause, den Söhnen ihres Ehemannes aus seiner ersten Ehe, auf der Champlain in die USA: Ankunft am 10. August 1938.

Ihr Ehemann Otto Krause und seine Tochter Manon befanden sich bereits in New York und somit in Sicherheit. Ihr Ehemann starb jedoch 56-jährig am 22. Jänner 1939 in New York. Ihr zuletzt in Wien lebender Bruder Fritz Lehmann gelangte im Februar 1939 nach New York.

Lotte LEHMANN bewarb sich um die Staatsbürgerschaft der USA. Seit 1941 lebte sie mit ihrer Familie, ihren Stiefkindern und ihrem Bruder samt Anhang, in Santa Barbara, Hope Ranch Park in Kalifornien. Dort erhielt sie 57-jährig am 13. Juni 1945 die US-Staatsbürgerschaft.

In den Exiljahren 1939 bis 1945 hatte Lotte LEHMANN noch Auftritte an der Metropolitan Opera, zumeist im Rosenkavalier unter dem Dirigenten Erich LEINSDORF. Ihren letzten Auftritt als »Feldmarschallin« hatte sie jedoch am 1. November 1946 an der San Francisco Opera unter dem Dirigenten Georges Sébastian. Sie gab außerdem noch Liedkonzerte, ihr letztes am 11. November 1951 im Pasadena Playhouse bei Los Angeles in der Nähe ihres Wohnsitzes in Santa Barbara.

Bekannt ist außerdem, dass Lotte LEHMANN noch zwei Jahrzehnte in Santa Barbara als Gesangspädagogin wirkte und Merylin Horne, Grace Bumbry und Judith Beckmann zu ihren Schülerinnen zählen konnte.

Lotte LEHMANN war mehrmals zu Besuch in ihren einstigen Wirkungsorten Wien und Salzburg. Sie empfing dort Ehrenringe und Medaillen. In Salzburg erhielt ein abseits liegender Weg hinter dem Schloss Aigen ihren Namen: »Lotte-Lehmann-Promenade«.

Das Konzerthaus der University of California in Santa Barbara führt seit 1969 ihren Namen: »The Lotte Lehmann Concert Hall«.

Am 26. August 1976 starb Lotte LEHMANN 88-jährig in Santa Barbara. Ihrem Wunsche gemäß wurde die Urne nach Wien überführt, bestattet in einem Ehrengrab der Stadt Wien mit huldigenden Worten von Richard Strauss: »Sie hat gesungen, daß es Sterne rührte«.

1 Elsa Bienenfeld, geboren am 23. August 1877 in Wien, Musikhistorikerin und Kritikerin, ermordet am 26. Mai 1942 im deutschen Vernichtungslager Maly Trostinec bei Minsk.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Franziskanergasse 5 156m 156m, 106°  Kosciolek, Jozef
Getreidegasse 33 164m 164m, 341°  Geer, Josef
Universitätsplatz 3 171m 171m, 347°  Nachtnepel, Franz
Getreidegasse 24 179m 179m, 7°  Schneider, Josefine
Getreidegasse 35 180m 180m, 338°  Penk, Anna

Stolperstein

verlegt am 17.08.2020 in Salzburg, Max-Reinhardt-Platz.

DE EN