Erich Leinsdorf

HIER WIRKTE
ERICH LEINSDORF
JG. 1912
PIANIST
FLUCHT
USA
Erich Leinsdorf<br>Quelle: Associated Press
Erich Leinsdorf
Quelle: Associated Press
Grab Erich Leinsdorf<br>Quelle: findagrave.com
Grab Erich Leinsdorf
Quelle: findagrave.com

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Erich LEINSDORF, als Erich Landauer am 4. Februar 1912 in der Haupt- und Residenzstadt Wien geboren, war das einzige Kind des jüdischen Ehepaares Charlotte, geborene Loebl, und Julius Landauer, der im Schuhhandel arbeitete und leidenschaftlicher Amateurpianist war. Er starb 40-jährig im Jänner 1915, als sein Sohn Erich noch keine drei Jahre alt war.

Der in bescheidenen Verhältnissen aufwachsende Halbwaise erhielt bereits im Kindesalter Klavierunterricht bei Martha Pisk und Theorieunterricht bei ihrem Ehemann, dem Komponisten Paul Amadeus Pisk, der im »Roten Wien« als Musikreferent an den Volkshochschulen wirkte.

Es ist daher wenig überraschend, dass Erich Landauer schon im April 1927, damals 15-jährig, sein Debüt als Pianist in der Volkshochschule Ottakring gab und an diesem Ort weitere Auftritte hatte, wie in der sozialdemokratischen Arbeiter-Zeitung nachzulesen ist.

Am 12. November 1928 war Erich Landauer Mitwirkender an Feiern, die zum zehnjährigen Bestehen der Republik Österreich in Wiener Arbeiterbezirken stattfanden. Arbeitermusikvereine boten Chor- und Sinfoniekonzerte. Der Komponist Anton Webern war bekanntlich Chormeister und Dirigent im »Roten Wien«.

Webern hatte einen jungen Korrepetitor, der Erich Landauer hieß, was kaum bekannt ist.

Nicht auszuschließen ist, dass ihn die künstlerische Tätigkeit als Korrepetitor dazu motivierte, erstmals während des Salzburger Festspielsommers 1930 am Dirigentenkurs der Internationalen Stiftung Mozarteum teilzunehmen. Lehrer waren Bernhard Paumgartner, Direktor des Mozarteums, Meinhard von Zallinger, Kapellmeister in Köln, und Herbert von Karajan, Kapellmeister in Ulm (er gab sein Festspieldebüt 1933 in Goethes Faust, einer Inszenierung Max REINHARDTs).

Von Bedeutung ist aber, dass die Dirigentenkurse des Mozarteums während der Salzburger Festspiele stattfanden und daher internationale Attraktivität besaßen. Die Kursteilnehmer konnten Vorträge von prominenten Dirigenten wie Clemens Krauss, Franz Schalk und Bruno WALTER hören. Dabei ließen sich die für Künstlerkarrieren wichtigen Kontakte knüpfen.

Erich Landauer beendete seine Ausbildung zum Kapellmeister allerdings an der Wiener Staatsakademie für Musik mit einem Konzert am 23. Juni 1933 im Großen Musikvereinssaal. Landauer war 21 Jahre alt, als er am Dirigentenpult stand. Es war sein einziges öffentliches Auftreten als Dirigent bis zu seinem Gang ins Exil.

In den österreichischen Radioprogrammen der 1930er Jahre ist des Öfteren der Name Erich Landauer zu lesen: zumeist als Klavierbegleiter der Lied- und Konzertsängern Erika Rokyta, die auch bei den Salzburger Festspielen auftrat. Als am 21. September 1936 »Neuzeitliches Musikschaffen« mit Kompositionen von Alban Berg und anderen »Neutönern« aus Wien übertragen wurde, hieß der Klavierbegleiter Erich LEINSDORF.

Erzählt wird, dass sich Erich Landauer zu seinem Künstlernamen LEINSDORF durch eine Figur in Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften inspirieren ließ: Graf Leinsdorf als Initiator der »Parallelaktion«. Denkbar ist ebenso, dass sich Erich Landauer einen Künstlernamen zulegte, um nicht mit dem Pianisten Walter Landauer verwechselt zu werden.

Recherchen ergaben, dass Erich Landauer den Künstlernamen LEINSDORF seit dem Festspielsommer 1934 benutzte: zunächst als Assistent von Bruno WALTER und dann auf dessen Empfehlung hin als Assistent (Korrepetitor) von Arturo TOSCANINI, und zwar speziell für die Einstudierung der Opern Falstaff, Meistersinger und Zauberflöte.

Augenscheinlich ist aber, dass der Name Erich LEINSDORF in den »Leadings Teams« der Salzburger Festspiele nicht aufscheint. Die Presse berichtete immerhin über Proben mit dem »Kapellmeister« LEINSDORF als »langjährigem Assistenten« von Arturo TOSCANINI und über den einmaligen Auftritt des Pianisten Erich LEINSDORF im letzten Festkonzert von Arturo TOSCANINI am 29. August 1937 im Festspielhaus.

Ehe Arturo TOSCANINI im Oktober 1937 und sein Assistent LEINSDORF im folgenden Monat nach New York reisten, hatte das Programm der Salzburger Festspiele 1938 bereits Gestalt angenommen: TOSCANINI beabsichtigte, fünf Opern inklusive Richard Wagners Tannhäuser zu dirigieren. Als sein Assistent sollte wieder LEINSDORF fungieren.

Nach dem Diktat des deutschen Reichskanzlers Adolf Hitler am 12. Februar 1938 auf dem Obersalzburg – Beteiligung von Nationalsozialisten an der österreichischen Regierung – verweigerte TOSCANINI seine Mitwirkung an den Salzburger Festspielen.

Erich LEINSDORF gelangte unter TOSCANINIs Auspizien in das führende Opernhaus der USA: in die Metropolitan Opera, die ein deutschsprachiges Repertoire hatte. Am 21. Jänner 1938 gab LEINSDORF 26-jährig sein Debüt als Dirigent der Oper Die Walküre von Richard Wagner.

Nach dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 galt es aber, seine Nächsten vor der nationalsozialistischen Verfolgung zu retten. Im August 1938 war Erich LEINSDORF in Europa, in Frankreich und vermutlich in der Schweiz oder Tschechoslowakei, um die Flucht seiner Mutter vorzubereiten.

Es glückte: Erich LEINSDORF konnte seine 64-jährige Mutter Charlotte Landauer am 15. Dezember 1938 in New York empfangen. Im August 1939 heiratete LEINSDORF die Jüdin Anne Frohnknecht. Sie bekam fünf Kinder: David, Gregor, Joshua, Deborah und Jennifer.

Die US-amerikanische Karriere des Dirigenten Erich LEINSDORF ist gut dokumentiert. Unbekannt ist bislang sein Wirken als Gastdirigent in seiner befreiten Geburtsstadt Wien: Im Jänner 1947 dirigierte er 35-jährig Jaromir Weinbergers Oper Schwanda, der Dudelsackpfeifer in der Volksoper (die Wiener Staatsoper war eine Ruine):

Erich Leinsdorf, ein Gast aus New York und Dirigent der Aufführung, hat bewundernswerte Arbeit geleistet. Präzision, Schwung, Musikalität und hohe Intelligenz zeichnen ihn aus. Zu seiner Begrüßung hatte sich nicht eine Hand gerührt. […]
Die Weltpresse, 18. 1. 1947, S. 3

Es war kein Zufall, dass sich im befreiten Wien zu seiner Begrüßung keine Hand gerührt hatte. Er war als vertriebener Jude in seiner antisemitischen Geburtsstadt nicht willkommen. Das zeigte sich wiederum, als er am 21. Februar 1947 einen Vortrag über US-amerikanisches Musikleben hielt:

In dem mehr als schlecht besuchten Kammermusiksaal des Musikvereins – sollte da wirklich nur die Straßenbahn und die Unsicherheit in den Straßen Wiens schuldtragend sein?! […]
Erich Leinsdorf, ein gebürtiger Wiener, der seit dem Jahr 1937 ununterbrochen in den USA tätig ist und sich derzeit ungefähr sieben Wochen als Gastdirigent für Oper und Konzert in Wien aufhält, war beim Betreten des Vortragspodiums von dem spärlichen Besuch sichtlich betroffen und begreiflicherweise irritiert. […]

Wiener Zeitung, 23. 2. 1947, S. 4

Erich LEINSDORF hatte als weltweiter Gastdirigent allerdings noch einige Auftritte in Wien, zuletzt im Oktober 1984, als er an der Wiener Staatsoper Ernst Kreneks Oper Karl V. (in Zwölftontechnik) dirigierte, deren Uraufführung in Wien im Februar 1934 aus politischen Gründen abgesetzt worden war.

Erich LEINSDORF, seit 1942 US-amerikanischer Staatsbürger, starb 81-jährig am 11. September 1993 in Zürich. Sein Grab befindet sich in New York auf dem Mount Pleasant Cemetery, unweit des Grabes seiner Mutter, die 86-jährig 1960 in New York starb.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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Stolperstein

verlegt am 17.08.2020 in Salzburg, Max-Reinhardt-Platz.

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