Georg Leitner

HIER WOHNTE
GEORG LEITNER
JG. 1884
IM WIDERSTAND
VERHAFTET AUG. 1944
DACHAU
TOT AN HAFTFOLGEN
27.10.1946

Goldgasse 12

Leitner, Georg

Georg LEITNER, geboren am 9. April 1884 in der Gemeinde Gnigl als Sohn einer Eisenbahnerfamilie, war Lokführer der Österreichischen Bundesbahn, verheiratet und hatte drei in Salzburg geborene Kinder. Die nach österreichischem Recht in Salzburg heimatberechtigte Familie wohnte seit dem Jahr 1910 in der Altstadt, Goldgasse 12, vierte Etage, deren Eigentümer Georg LEITNER war.

Georg LEITNER war als Mitglied der sozialdemokratischen Fraktion im Gemeinderat der Stadt Salzburg und als stellvertretender Landesleiter des unter der autoritären Regierung Engelbert Dollfuss verbotenen Republikanischen Schutzbundes eine der Schlüsselfiguren beim kampflosen Abgang der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP), dennoch zählt er zu den sozialdemokratischen Politikern und Funktionären, die in der 1991 publizierten Dokumentation Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945 nicht aufscheinen.1

In der vierbändigen Strafakte »Februarrevolte 1934« des Landesgerichtes Salzburg »gegen Emminger Karl, Preussler Robert, Witternigg Josef et Consorten wegen Verbrechens des Hochverrats« ist allerdings dokumentiert, dass Georg LEITNER zu den am 12. Februar 1934 in der sozialdemokratischen Landeszentrale, Paris-Lodron-Straße 21, verhafteten Politikern gehörte. Aus der Strafakte geht außerdem hervor, dass die österreichische Staatspolizei bei ihren Hausdurchsuchungen im Schreibtisch Georg LEITNERS das Protokollbuch des Republikanischen Schutzbundes und den ebenso aus seiner legalen Zeit stammenden »Alarmplan« (mit Sammelplätzen und 47 Aktivisten) entdeckte. Die Polizei verstand es, den »Alarmplan« des bis Mai 1933 legalen Wehrverbandes der SDAP, der seinen Statuten gemäß die demokratische Republik Österreich und ihre Verfassung zu schützen hatte, zum »Aufmarschplan« eines »Putsches« gegen die österreichische Regierung umzudeuten. Dergestalt diente der »Alarmplan« dem Dollfuss-Regime zur Rechtfertigung seiner Gewaltmaßnahmen gegen die Sozialdemokratie und ihre Funktionäre.

Alle Vorgänge werden in der Biografie des sozialdemokratischen Politikers Josef WITTERNIGG, der in Salzburg als Leiter des Generalstreiks fungierte, ausführlich dargestellt. Somit kann als bekannt vorausgesetzt werden, dass die am 12. Februar 1934 wegen »Verdachtes des Verbrechens des Hochverrates« verhafteten, am 25. Mai 1934 entlassenen und am 25. Februar 1935 »außer Verfolgung gesetzten« (sic) Politiker und Funktionäre, obschon weder angeklagt noch verurteilt, weiterhin unter dem Verdacht standen, »Putschisten« und »Hochverräter« zu sein. Zu ergänzen ist, dass Georg LEITNERS Rechtsanwälte Dr. Julius Pollak und Dr. Franz Grün, beide Juden, deren Kanzlei sich bis zum Gewaltjahr 1938 am Makartplatz befand, gegen die Gerichtsbeschlüsse vergeblich Beschwerde erhoben.

Es zeigt sich, dass die ehemaligen sozialdemokratischen Parteifunktionäre, obschon keine Aktivisten einer illegalen Widerstandsgruppe, der Revolutionären Sozialisten oder der Kommunistischen Partei Österreichs, noch unter dem nationalsozialistischen Terrorregime im Verdacht marxistischer Umtriebe standen. So wurde beispielsweise der vormalige Landesleiter des Republikanischen Schutzbundes Karl EMMINGER bespitzelt, denunziert, verhaftet und als totkranker Mann freigelassen, worauf er am 3. Mai 1944 starb und daher die Befreiung nicht erleben konnte.

Jemand musste den seit 12. Februar 1934 unter politischem Verdacht stehenden Georg LEITNER denunziert haben, wobei jedoch Konkretes mangels Polizei- und Gerichtsakten im Dunkeln bleibt. Gewiss ist lediglich, dass er nach dem Attentat auf den »Führer« von der Gestapo verhaftet, am 25. August 1944 vom Polizeigefängnis am Rudolfsplatz im Sammeltransport in das KZ Dachau deportiert wurde: registriert als »Schutzhäftling 93380«. Der am selben Tag als »Schutzhäftling 93381« registrierte Heinz Kraupner, Besitzer des Kaffeehauses Posthof in der Kaigasse, war vormals sozialdemokratischer Landessekretär in Salzburg und ebenfalls Verfolgter des 12. Februar 1934. Das Urteil »Verdacht nicht entkräftet« hatte somit noch unter dem NS-Regime seine Wirksamkeit. Glaubhaft ist, dass die bislang unbekannten Terroropfer nach dem Attentat auf Hitler aus Präventivgründen verhaftet und wegen Überfüllung des Polizeigefängnisses in Salzburg nach Dachau deportiert wurden. Die nach einigen Wochen oder Monaten in Dachau entlassenen KZ-Häftlinge wurden zurück nach Salzburg in das Polizeigefängnis überstellt, somit keineswegs freigelassen.

Bekannt ist, dass Georg LEITNER bereits am 26. September 1944 im KZ Dachau entlassen wurde. Unbekannt ist jedoch mangels einer Opferfürsorgeakte, wie lange er anschließend im Polizeigefängnis inhaftiert war. Er hatte jedenfalls unter dem NS-Regime einige Schicksalsschläge zu verkraften. Im November 1942 war seine Frau Anna gestorben. Zur selben Zeit hatten seine beiden Söhne Georg und Otto zur Deutschen Wehrmacht einrücken müssen. Verbürgt ist außerdem, dass Georg LEITNER 62-jährig am 27. Oktober 1946 an den Folgen des Terrors starb und dass seine Kinder Anna, Georg und Otto überlebten.

1 Sozialdemokraten, die 1934 gerichtlich verfolgt wurden, aber in der Dokumentation Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945 nicht aufscheinen: Simon Abram (Suizid am 29. Februar 1940 in Salzburg). Anton Baronit (Schicksal unbekannt), Karl Braunbock (Tod am 20. März 1945), Hans Frosch (Schicksal unbekannt), Maria Grabner (Verfolgte unter dem NS-Regime, Überlebende), Konrad Pausch (Tod am 25. April 1945), Felix Schwab (Überlebender), Karl Wagner (Exil, Überlebender), Georg LEITNER (Tod am 27. Oktober 1946) und Johann REITER (hingerichtet am 25. Juli 1940). Erwähnung finden in der 1991 publizierten Dokumentation Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934-1945 die sozialdemokratischen Funktionäre Robert Preussler, Karl EMMINGER, Johann WAGNER und Josef WITTERNIGG, die im Jahr 1934 gerichtlich verfolgt wurden und die Befreiung Salzburgs am 4. Mai 1945 nicht erlebten. Im Jahr 1962 wurden nach Robert Preussler, Karl EMMINGER und Josef WITTERNIGG Straßen in Salzburg-Süd benannt.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

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Stolperstein

verlegt am 19.08.2016 in Salzburg, Goldgasse 12.

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