Alexander Moissi

HIER WIRKTE
ALEXANDER MOISSI
JG. 1879
SCHAUSPIELER
1932 ALS “JEDERMANN” ABGESETZT
Alexander Moissi als <i>Jedermann</i><br>Quelle: Archiv der Salzburger Festspiele
Alexander Moissi als Jedermann
Quelle: Archiv der Salzburger Festspiele
Moissi als <i>Jedermann</i><br>Quelle: Archiv der Salzburger Festspiele, Foto Ellinger
Moissi als Jedermann
Quelle: Archiv der Salzburger Festspiele, Foto Ellinger
Alexander Moissi – Grab auf dem Friedhof Morcote im Tessin<br>Quelle: Wikipedia
Alexander Moissi – Grab auf dem Friedhof Morcote im Tessin
Quelle: Wikipedia

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Alexander (Alessandro) MOISSI, geboren am 2. April 1879 in Trieste/Triest, damals Österreich-Ungarn, und katholisch getauft in der Kirche St. Nicolo, war das jüngste von fünf Kindern der Amalia, geborene di Rada, und des albanischen Unternehmers Konstantin Moissi (albanisch Moisiu).

Um 1900 zählte Alexander MOISSI noch zur namenlosen Komparserie des Wiener Burgtheaters – ohne Hoffnung auf Karriere. In der Theaterstadt Berlin gelang ihm jedoch der Karrieresprung.

Als Max REINHARDT seine illustren Kammerspiele mit Ibsens Gespenster eröffnete, spielte MOISSI den »Osvald«, eine morbide Figur, die ihn zum Bühnenstar machte. Anhaltende Erfolge feierte er auch als Selbstmörder »Fedja« in Tolstois Der lebende Leichnam.

MOISSI, der auf REINHARDTs Berliner Bühnen künstlerischen Ruhm anhäufte, stand im antisemitischen Wien unter dem Verdacht, Jude zu sein:

Ich glaub‘, der Moissi kommt von Moises her.
Kikeriki, Wiener Satirezeitschrift, 17. 8. 1913, S. 3

Moisés ist die spanische Form von Moses. Für den gebildeten Antisemiten scheint damit die »Abstammung« des Bühnenstars geklärt zu sein. In Wien sollte es aber noch dicker kommen.

Das Gerücht, MOISSI sei Kommunist, kursierte seit seiner Hochzeit mit der Bühnenkollegin Johanna Terwin (bürgerlicher Name Winter) am 16. Dezember 1919 in Berlin.

Trauzeugen des Ehepaares waren Friedrich Brehmer, Fregattenkapitän außer Dienst, und Sophia Liebknecht, die Witwe des in der Reichshauptstadt Berlin ermordeten »Kriegsverräters«, Antimilitaristen und Kommunisten Karl Liebknecht. Es zeigt sich, dass sein Name – und nicht jener des deutschen Fregattenkapitäns – auch in rechten Kreisen der ehemaligen kaiserlichen Residenzstadt Wien gehörige Erregung auszulösen vermochte.

Am 19. Juni 1920, ein halbes Jahr nach der Berliner Hochzeit, veranstaltete die Neue Wiener Bühne ein Gastspiel mit Alexander MOISSI und ein Gartenfest ihm zu Ehren. Es endete in wüstem Krawall: Deutschnationale Studenten, Couleur tragend, knüppelschwingend und johlend, wollten MOISSI, den »Kommunisten« und »Juden« verprügeln. Er blieb unverletzt, da die Rotte von den zahlenmäßig überlegenen Festgästen verjagt werden konnte.

Am 22. August 1920, zwei Monate nach dem turbulenten Wiener Gastspiel, hatte das Ehepaar MOISSI seinen ersten Auftritt im Salzburger Jedermann. Johanna Terwin spielte die »Buhlschaft«, ihr Mann Alexander MOISSI die Titelrolle: den reichen Sünder, der letztendlich zum rechten Glauben findet und durch die Gnade Gottes gerettet wird – in Max REINHARDTS origineller Inszenierung vor der barocken Schaufassade des Domes, auf dessen Giebel eine Figur emporragt: »Salvator Mundi«, Christus als Erlöser oder Retter der Welt.

Das Wetter wollte anfänglich nicht mitspielen, da dunkle Wolken aufzogen. Als MOISSI jedoch das »Vaterunser« – es soll von Jesus stammen, steht jedenfalls nicht im Textbuch des Dichters Hugo von Hofmannsthal – zu deklamieren begann, erstrahlte die Domfassade vom Giebel abwärts im Abendlicht. Das Publikum, darunter der Erzbischof, soll zu Tränen gerührt gewesen sein.

Im Friedensjahr 1920, anderthalb Jahre nach dem Ersten Weltkrieg und der »Spanischen Grippe«, der schwersten Pandemie des 20. Jahrhunderts, herrschte allerdings in Salzburg noch soziale Not. Deshalb war auch das Spiel vom Sterben des reichen Mannes nicht jedermanns Sache:

Gewiss, die Tendenz der Moralität des Mysteriendramas wird heute jeder Proletarier, der die rührselige Geschichte von Jedermanns Glück und Ende, Reue und Tod liest, entschieden ablehnen müssen: solch Moralität und deren Lohn vermag nur den Beifall satter Bourgeoisie zu erringen.
Salzburger Wacht, 22. 8. 1920, S. 2

Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Salzburgs bedankte sich dennoch für die Sondervorstellung für Kriegsinvalide, Witwen und Waisen.

Es mangelte jedoch an internationalem Publikum, da Europa seine Grenzen dicht gemacht hatte und der europäische Zuglauf der Vorkriegsjahre von Paris über Straßburg, München, Salzburg, Wien und Budapest nach Konstantinopel längst zerschnitten war.

Der nach Kriegsende reaktivierte Luxuszug Simplon-Orient-Express machte um die Verliererstaaten Zentraleuropas einen großen Bogen nach Süden. Daher lagen die noch im letzten High-Life-Almanach der österreichisch-ungarischen Monarchie publizierten Adressen der Wiener Gesellschaft weit entfernt vom neuen europäischen Zuglauf.

In diese düstere Zeit fiel die legendenumwobene Gründung der Salzburger Sommerspiele mit illustrem Publikum, das zur An- und Rückreise vornehmlich regionale und lokale Schienenwege benutzte: die Kaiserin-Elisabeth-Bahn, die Tauernbahn, die Salzkammergutbahn, die Schmalspurbahn von Bad Ischl über St. Gilgen nach Salzburg und retour, die elektrische Straßenbahn in der Stadt Salzburg.

In der paradiesischen Seen- und Berglandschaft verbrachte die im High-Life-Almanach verzeichnete Gesellschaft – Andrian, Billiter, Billroth, Hofmannsthal, Kestranek, Morawitz, Petschek, Sgalitzer, Sobotka, Wassing und Wittgenstein – ihre Sommerfrische auch nach dem Zerfall der Monarchie.

Ein Überlebender der Shoah, Dr. George W. Sgalitzer aus Seattle, Arzt und Pianist, Member of the Honorary Board Salzburg Festival Society, erinnerte sich zeitlebens an MOISSI in der brillierenden Titelrolle vor der Schaufassade des Salzburger Domes.

Abstoßend wirkte der Jedermann auf den in Salzburg lebenden Dichter Hermann Bahr: ihn habe »die mit ungestümer Macht auf Jedermanns Ruf über unsere unglückliche Stadt hereinbrechende Hebräerflut« nach Berchtesgaden vertrieben.

Seiner Wahrnehmung entgingen jedoch die nationalsozialistischen Tagungen mit Adolf Hitler in Salzburg, und ebenso der erstmals im August 1920 auftretende Sommerfrischen-Antisemitismus: Mattsee könne sich rühmen, in diesem Jahr »judenrein« zu sein, ist in der christlich-sozialen Salzburger Chronik vom 8. August 1920 zu lesen.

Im antisemitischen Salzburg galten die Festspiele als »verjudet«, soviel ist auch der Nachwelt bekannt. Am 30. August 1931 hatte MOISSI, geliebt von den einen, gehasst von den anderen, seinen letzten Auftritt als »Jedermann«.

Gegen Ende dieses Festspielsommers war MOISSI noch der gefeierte Stargast in der von Max REINHARDT inszenierten »Traumnacht auf Schloss Leopoldskron«. Fasziniert berichtete davon Berta Zuckerkandl-Szeps, die in Wien einen literarischen Salon führte, am 29. August 1931 im Neuen Wiener Journal.

Kaum bekannt ist hingegen, dass MOISSI mit Friderike und Stefan ZWEIG gut befreundet war und überdies in ihrem Haus Kapuzinerberg 5 – »Villa Europa« – gerne verkehrte, im Garten seine Rollen probte und im Arbeitszimmer die Tasten der Schreibmaschine betätigte.

MOISSI arbeitete gerade an seinem »Frauenroman« (noch ohne Titel). Es war ein literarisches Vorhaben, das nur wenige Mitwisser hatte: seine Ehefrau Johanna Terwin, das Ehepaar ZWEIG und Dr. Ernst Karajan (Vater des Dirigenten Herbert von Karajan), der als Direktor des Salzburger Landeskrankenhauses sein Einverständnis geben musste, damit MOISSI einer Entbindung beiwohnen durfte, um diese anschaulich schildern zu können.

So geschah es, dass MOISSI als »Dr. Alexander« im Kreißsaal auftrat. Das konnte aber kein Geheimnis bleiben, da er prominent war und in jeder Verkleidung, auch im Arztkittel erkannt wurde.

Durch Indiskretion geriet er ins Visier der Salzburger NSDAP, die ihren Wahlkampf im September 1931 startete und die Affäre »Dr. Alexander« für ihren Tugendterror nutzte, der seinen Niederschlag in rassistischen Blättern fand:

Der Jude Moissi vergnügt sich!
Unerhörte Sauerei! Moissi-Moses als Geburtshelfer!
Die Entbindung einer Christin als Schauspiel für den Juden!

Das bekannte Schema: eine Christin als Opfer, ein Jude als Täter. MOISSI galt als Jude, ohne jedoch selbst Jude zu sein.

Der Rassismus hatte die Mitte der Gesellschaft erreicht. Das zeigt sich auch in der Argumentation der Ehefrau Johanna Moissi-Terwin: Ihr Ehemann sei »rein arischer Abstammung«. Sein Taufschein aus Triest diente ihr als Beweis. Die publizierte Verteidigungsschrift der Ehefrau richtete sich gezielt »An die Frauen Salzburgs!« (Salzburger Volksblatt, 2. 10. 1931, S. 5f.)

MOISSI war allerdings auch in Wien eine Person der öffentlichen Erregung. Er konnte dort aber weiterhin auftreten. Er spielte beispielsweise den Selbstmörder »Fedja« in Tolstois Der lebende Leichnam am Raimund-Theater. Das Gebäude war jedoch rundum durch Polizisten abgeschirmt, um Antisemiten am Eindringen zu hindern, und das mit Erfolg:

Ruhiger Verlauf der Moissi-Vorstellungen.
Neues Wiener Journal, 1. 2. 1932, S. 5

Anlässlich des Wiener Gastspiels äußerte sich MOISSI über die Hintergründe der von der Salzburger NSDAP entfachten Agitation:

… und ich habe mehr als den Verdacht, dass sie gar nicht mir allein gilt, sondern dass mit mir auch Max Reinhardt getroffen werden soll.
Es gibt Salzburger Kreise, denen Reinhardts Tätigkeit seit langem ein Dorn im Auge ist, freilich wagt man es nicht, ihn direkt anzupöbeln.

Wiener Allgemeine Zeitung, 1. 2. 1932, S. 4

Beachtenswert ist außerdem, dass sich MOISSI dem Ansinnen der Salzburger Festspiele verweigerte, seinen Rücktritt als »Jedermann« zu erklären. Er war nicht gewillt, vor der NSDAP zu kapitulieren. Diesen Schritt vollzogen die Salzburger Festspiele mit der Begründung, sich nicht der Gefahr öffentlicher Kundgebungen aussetzen zu wollen.

Prompt frohlockte auch die antisemitische Satirezeitschrift Kikeriki, als vermeldet wurde, dass MOISSI seinen »Jedermann« in Salzburg nicht mehr spielen dürfe:

Es möge ihn jedermann nun spielen, nur kein Jude!
Kikeriki, 7. 5. 1932, S. 4

Die Salzburger Festspiele entschieden sich für den deutschen Schauspieler Paul Hartmann, der den »Jedermann« in den Jahren 1932, 1933 und 1934 spielte, dann im nationalsozialistischen Deutschland zum »Staatsschauspieler« avancierte, schließlich zum Präsidenten der Reichstheaterkammer.

Stefan ZWEIG erinnert in seiner Welt von Gestern an das Lebensende des Bühnenstars Alexander MOISSI. In der Theaterstadt Wien sollte das Schauspiel Non si sa come (Man weiß nicht wie) des Nobelpreisträgers Luigi Pirandello in der deutschen Übersetzung Stefan ZWEIGs aufgeführt werden – eine Weltpremiere mit MOISSI in der Hauptrolle.

Es kam jedoch anders als gedacht. Stefan ZWEIG, der sich im Frühjahr 1935 in Wien aufhielt, musste in einer Zeitung lesen, dass MOISSI schwer erkrankt sei. Zwei Tage später stand ZWEIG vor dem Sarg seines Freundes.

Alexander MOISSI starb 55-jährig am 22. März 1935 in einem Wiener Sanatorium an Lungenentzündung. Er hatte sich verbeten, dass bei seiner Einäscherung im Wiener Krematorium Trauerreden gehalten werden. Berichtet wird, dass Arnold ROSÉ und Bruno WALTER ein Adagio von Beethoven spielten.

MOISSIs Grab befindet sich nahe seines letzten Lebensortes auf dem Friedhof von Morcote im Schweizer Kanton Tessin.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Franziskanergasse 5 156m 156m, 106°  Kosciolek, Jozef
Getreidegasse 33 164m 164m, 341°  Geer, Josef
Universitätsplatz 3 171m 171m, 347°  Nachtnepel, Franz
Getreidegasse 24 179m 179m, 7°  Schneider, Josefine
Getreidegasse 35 180m 180m, 338°  Penk, Anna

Stolperstein

verlegt am 17.08.2020 in Salzburg, Max-Reinhardt-Platz.

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