Bella Paalen

HIER WIRKTE
BELLA PAALEN
JG. 1881
SÄNGERIN
FLUCHT 1939
USA
Bella Paalen<br>Quelle: austria-forum.org
Bella Paalen
Quelle: austria-forum.org

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Bella PAALEN, geboren als Isabella (Izabella) Pollak am 9. Dezember 1881 in Pásztó, Komitat Nógrád in Ungarn, war das ältere von drei Kindern des jüdischen Ehepaares Laura, geborene Jamnitz, und Ernst Pollak, der zunächst Fabrikdirektor, dann Repräsentant von Handelsagenturen war. Die Familie lebte in der Haupt- und Residenzstadt Wien.

Isabella Pollak studierte Gesang am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde. Ihre Gesangslehrerin war eine prominente Interpretin der Opern Richard Wagners: Rosa Papier, verehelichte Paumgartner. Ihr Sohn Bernhard avancierte zum Leiter des Mozarteums in Salzburg.

Im Herbst 1905 wurde Isabella Pollak, die als Künstlerin den Namen Bella PAALEN führte, als Altistin (Stimmlage Alt) nach Graz engagiert. Im Spieljahr 1905/06 konnte das Grazer Opernhaus unter seinem Intendanten Alfred Cavar glänzende Erfolge einfahren.

Sensationelles Highlight war die österreichische Erstaufführung der Oper Salome von Richard Strauss in Gegenwart des Direktors der Wiener Hofoper Gustav Mahler, der mit seinem Aufführungsvorhaben an der Wiener Hofzensur gescheitert war.

In Graz sang die Wiener Hofopernsängerin Jenny Korb, eine Sopranistin, die Titelrolle »Salome«. Bella PAALEN war in der kleinen Altpartie »Page des Herodias« zu hören.

Am 3. Dezember 1906 sang Bella PAALEN erstmals das Altsolo in Gustav Mahlers 3. Sinfonie im Grazer Opernhaus: ein Orchesterkonzert, das unter der Leitung des Komponisten stand. Gustav Mahler war von Bella PAALEN derart beeindruckt, dass er die 25-jährige Altistin mit 1. September 1907 an die Wiener Hofoper engagierte.

Drei Jahrzehnte gehörte Bella PAALEN zum Ensemble der Wiener Hof- bzw. Staatsoper. Sie sang die Altpartien »Fricka«, »Erda«, »Grimgerde« und »Norn« im Opernzyklus Ring der Nibelungen, die »Magdalena« in Die Meistersinger von Nürnberg, die »Brangäne« in Tristan und Isolde und die »Ortrud« in Lohengrin von Richard Wagner, des Weiteren die »Klytämnestra« in Elektra und »Annina« in Der Rosenkavalier von Richard Strauss und sonstige Rollen, zumeist kleine Altpartien.

»Annina« war Bella PAALENS Glanzrolle an der Hof- bzw. Staatsoper: 173 Vorstellungen in den Jahren 1911 bis 1937. Im Rosenkavalier brillierte auch der berühmte Bassist Richard Mayr als »Ochs von Lerchenau«.

Daran erinnert sein Geburtsort Salzburg. Vergessen ist hingegen, dass Bella PAALEN zum Freundeskreis der Familie Mayr gehörte.

Im Friedensjahr 1919 machte Bella PAALEN erstmals Sommerfrische im Salzburger Kurort Hofgastein. Sie zählte zu den prominenten Kurgästen, die an Wohltätigkeitsveranstaltungen mitwirkten. Bella PAALEN gab hin und wieder Liedkonzerte. Der Sohn ihrer Gesangslehrerin Rosa Papier fungierte einmal als Klavierbegleiter: Bernhard Paumgartner, der seit 1917 Direktor des Mozarteums in Salzburg war.

Im Jahr 1920 erwarben die Eltern Bella PAALENS, Ernst und Laura Pollak, im Kurort Hofgastein das Haus Nr. 34, genannt »Haidenhäusl«. Ihre Eltern starben 1935, zuerst ihr Vater, bald darauf ihre Mutter während einer Vorstellung der Oper Lohengrin in der Wiener Staatsoper, was Aufsehen erregte, da Bella PAALEN ihren Auftritt als »Ortrud« bei der Todesnachricht abbrach:

… Fräulein Bella Paalens Mutter, die hoch in den siebziger Jahren stand, war seit jeher die aufmerksamste Zuhörerin ihrer Tochter, die nicht nur eines der beliebtesten, sondern zugleich jenes Mitglied des Instituts ist, das hier am längsten, nämlich seit 1907, tätig ist. Die alte Frau Paalen war nicht nur nervös, sondern auch so schwer herzleidend, daß ihre Tochter immer in großer Sorge war, wenn die alte Dame in die Oper ging. […].
Kleine Volks-Zeitung, 19. 5. 1935, S. 4

Bella PAALEN erbte das Haus ihrer Eltern in Hofgastein. Ihr jüngerer Bruder, der Künstler Benedict Fred Dolbin, emigrierte im Oktober 1935 in die USA. Ihr jüngster Bruder Otto Friedrich Pollak hatte als Soldat der k. u. k. Armee den Ersten Weltkrieg nicht überlebt.

Erzählt wird, dass die Sängerin Bella PAALEN im Jahr 1933 mit dem Titel »österreichische Kammersängerin« geehrt worden sei. Richtig ist vielmehr, dass sie den Titel erst im September 1937 erhielt, als sie 56 Jahre alt und bereits »im Ruhestand« war.

Die Karriere der um 19 Jahre jüngeren Rosette ANDAY, ebenfalls Altistin an der Staatsoper, verlief hingegen zügig: Sie gab ihr Festspieldebüt bereits im Sommer 1922 und war 32 Jahre jung, als ihr der Titel »Kammersängerin« zuerkannt wurde.

Im Festspielsommer 1937 spielte Frau ANDAY die Königin »Klytämnestra« in der Oper Elektra von Richard Strauss – eine Partie, die Bella PAALEN zweiunddreißigmal an der Staatsoper gesungen hatte, doch nie in den Festspielsommern.

Bella PAALEN war 52 Jahre alt, als sie erstmals in einer kleinen Altpartie bei den Salzburger Festspielen 1934 auftrat: als »Erste Magd« in der Oper Elektra. Im Festspielsommer 1936 hatte sie die kleine Rolle »Manuela« (Magd bei Juan Lopez) in der Oper Der Corregidor von Hugo Wolf.

Das Festspielpublikum konnte Bella PAALEN noch einmal im Sommer 1937, zuletzt am 22. August, in der Oper Elektra als »Erste Magd« sehen und hören – wenige Auftritte, die in den Kritiken kaum Beachtung finden.

In der Wiener Staatsoper hatte Bella PAALEN am 6. Juli 1937 ihren letzten glanzvollen Auftritt als »Marthe« in der Oper Margarethe von Charles Gounod. Darüber berichtete die von Irene Harand herausgegebene philosemitische Zeitschrift Gerechtigkeit:

… Die letzten zwei Vorstellungen des heurigen Opernjahres fanden vor ausverkauftem Hause statt; dieses außergewöhnliche Publikumsinteresse galt nicht nur den Gastspielen von Elisabeth Rethberg und Ezio Pinza, sondern auch dem Abschied von einer Künstlerin, deren ganzes Leben und deren ganze Kraft durch dreißig Jahre hindurch unserem Institut gewidmet waren. […]
Die drastische Marthe war Bella Paalen, der vom Publikum durch frenetischen Applaus ein brausendes Lebewohl gesagt wurde; und als sie sich zum letzten Mal verneigte, da hatte sicher nicht nur sie Tränen in den Augen. Ks.

Gerechtigkeit, 15. 7. 1937, S. 12

Unerwähnt blieb allerdings, dass die in den Ruhestand verabschiedete Bella PAALEN Jüdin war und nicht aus Karrieregründen zum Christentum übertrat. Folglich blieben auch die Gründe für ihre späte Ehrung im Dunkeln:

Bella Paalen, die mit Ende der vorigen Spielzeit in den Ruhestand getreten ist, wurde der Titel der österreichischen Kammersängerin verliehen. Wenn diese Ehrung auch vielleicht etwas spät kommt, so freut sie doch alle, die der Künstlerin durch ungezählte Jahre die stärksten Erlebnisse verdanken. Ks.
Gerechtigkeit, 16. 9. 1937, S. 7

Die Künstlerin konnte von ihrer dreißigjährigen Wirkungsstätte nicht abrupt loslassen. In den Annalen der Wiener Staatsoper ist nämlich festgehalten, dass Bella PAALEN noch zwei Auftritte hatte: am 11. Oktober 1937 als »Palmatica, Gräfin Nowalska« in Millöckers Bettelstudent und am 11. März 1938 als »Filipjewna« in Tschaikowskis Eugen Onegin.

Bella PAALEN, die im 1. Bezirk wohnte, verließ das nationalsozialistische Wien vermutlich erst nach den November-Pogromen. Dokumentiert ist, dass sie 57-jährig als »Hebrew« auf dem Transatlantikliner Hansa am 13. Jänner 1939 in New York eintraf.

Bella PAALEN hatte in ihrem neuen Lebensort New York keine Engagements als Sängerin. Sie arbeitete als Gesangspädagogin. In den 1950er Jahren verkaufte sie ihr Haus in Hofgastein und lebte vorübergehend in Wien. Ihre letzte Adresse lautete: New York, 85th St Jackson Heights.

Bella PAALEN starb 83-jährig am 28. Juli 1964 im Elmhurst Hospital von New York. Ihre Urne wurde am 3. Dezember 1964 im Grab ihrer Eltern auf dem Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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