Max Reinhardt

HIER WIRKTE
MAX REINHARDT
JG. 1873
VERTRIEBEN 1938
EXIL USA
TOT 31.10.1943
NEW YORK
Max Reinhardt<br>Foto: privat
Max Reinhardt
Foto: privat
Verlegung vor Schloss Leopoldskron (v.l.n.r.): Erzbischof Alois Kothgasser (Pate Stolperstein Max Reinhardt), Gunter Demnig, Marko Feingold (Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg) und Hans Lugstein (Pate Stolperstein Richard Metzl)
Verlegung vor Schloss Leopoldskron (v.l.n.r.): Erzbischof Alois Kothgasser (Pate Stolperstein Max Reinhardt), Gunter Demnig, Marko Feingold (Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg) und Hans Lugstein (Pate Stolperstein Richard Metzl)
Foto: Gert Kerschbaumer
Foto: Gert Kerschbaumer

Schloss Leopoldskron, Leopoldskronstraße 56-58

Metzl, Richard Reinhardt, Max

.. I. b. e. J. [Ich bin ein Jude] Damit ist vieles gesagt. Ich schicke das voraus, ist das Stolzeste gesagt, was ich über mich sagen kann ... Und doch fließen in jedem Wesen die Eigenschaften zusammen, die seine Eltern und Voreltern hatten. Und deshalb will ich meine Erinnerungen mit diesen beginnen.
(Max Reinhardts Erinnerungen, die er in seinem Exil zu schreiben begann, nicht beendete, Teilnachlass: Wienbibliothek)

Max REINHARDT, vormals Goldmann, geboren am 9. September 1873 in der Kurstadt Baden bei Wien, war das älteste von sieben Kindern des 1872 in Brünn getrauten jüdischen Ehepaares Rosa, geborene Wengraf, und Wilhelm Goldmann, Kurgäste in Baden bei der Geburt ihres Sohnes Max. Die Familie – seit 1904 offiziell REINHARDT – lebte in Wien, Haupt- und Residenzstadt der Monarchie Österreich-Ungarn, und gehörte zur damals großen Israelitischen Kultusgemeinde Wien, wo auch die Geburten ihrer sieben Kinder Max, Edmund, Jenny, Adele, Irene, Siegfried und Leo registriert sind. Die Familie war jedoch nach altösterreichischem Recht im Geburtsort des Vaters, Jahrgang 1846, heimatberechtigt: in Stampfen (ungarisch: Stompa oder Stomfa, slowakisch: Stupava) bei Pressburg (Pozsony oder Bratislava), ein Ort in der seit 1867 ungarischen Reichshälfte der Doppelmonarchie und nach ihrem Zerfall in der Tschechoslowakei. Die Mitglieder der Familie GOLDMANN-REINHARDT waren folglich ungarische, danach tschechoslowakische Staatsbürger, was aber nichts über die Wohn- und Wirkungsorte des Künstlers aussagt.

Max Goldmann, Sohn eines Miedermachers, debütierte als Schauspieler schon anno 1890 unter dem Künstlernamen REINHARDT in Wien. Bekannt ist ebenso sein Engagement am Stadttheater Salzburg. Das neu erbaute Haus am Makartplatz wurde am 1. Oktober 1893 mit Mozarts Titus-Ouvertüre und Ludwig Anton Salomon Fuldas Märchen Der Talisman feierlich eröffnet – unter Mitwirkung Max REINHARDTS. In der Spielsaison 1893/94 des neuen Stadttheaters spielte er zahlreiche Rollen in Dramen, Komödien, Operetten, Märchen, Possen und Volksstücken, zum Beispiel den Octavio Piccolomini in Wallensteins Tod, den Reichsvogt Gessler in Wilhelm Tell, den Jago in Othello, den schwarzen Sklaven Zanga in Der Traum ein Leben, den Berengar in Der Talisman, den Oberst Ruperto Corticelli in Gasparone, den Krankenvereinskassier Pimeskern in Die Gigerln von Wien und den Wurzelsepp in Der Pfarrer von Kirchfeld. Max REINHARDT spielte somit fast alle gängigen Rollenfächer.

Salzburg. Ich war gerade 19 Jahre alt. Als Schauspieler war ich erst zwei Jahre alt. In diesen zwei Jahren hatte ich stehen, gehen, sitzen gelernt auf der Bühne. Ich konnte auch schon sprechen. Wenigstens bildete ich es mir ein. Theoretisch habe ich es von meinem Lehrer Emil Bürde gelernt und – vom Burgtheater, das dann als für den jungen Schauspieler eine Art Universität war ... Und so reiste ich im September nach Salzburg ... In dieser Stadt, in der ich 25 Jahre später die Salzb[urger] Festspiele gründen sollte, begann meine eigentliche Bühnenlaufbahn ... Es war eine wundervolle Zeit: Proben. Rollen. Essen. Lernen. Spielen. Nach dem Spielen Wirtshaus. Kameraden, junge Menschen. Der alte Regisseur bärbeißiger erfahrener Fachmann ...
(Max Reinhardts Erinnerungen, Teilnachlass: Wienbibliothek)

Mit den in Salzburg erworbenen Erfahrungen ging REINHARDT nach Berlin. Nach einem Vierteljahrhundert, gegen Ende des Ersten Weltkriegs und beim Zerfall der Monarchie Österreich-Ungarn, erwarb Berlins prominenter Theaterdirektor in Salzburg das Schloss Leopoldskron, einst Sommersitz der Fürsterzbischöfe. Aus dem Melderegister der damals selbständigen Gemeinde Leopoldskron geht hervor, dass auch Familienmitglieder zeitweilig im Schloss Leopoldskron wohnten: REINHARDTS verwitwete Mutter Rosa, in Begleitung ihrer Krankenschwester, bis kurz vor ihrem Tod im Jahr 1924, seine erste Ehefrau Else, geborene Heims, und ihre beiden in Berlin geborenen Söhne Wolfgang und Gottfried, seine Lebenspartnerin und zweite Ehefrau Helene Kalbeck-Thimig, seine Schwester Jenny Rosenberg mit ihrer Familie aus Berlin, seine Brüder Edmund, Siegfried und Leo REINHARDT, die in seinem Theaterunternehmen mitarbeiteten, des Weiteren Leos Ehefrau Maria mit ihrem Sohn Edmund und ihrer am 28. Juni 1919 in Leopoldskron geborenen Tochter Vita Rose.

Bekannt ist außerdem, dass REINHARDTS Sekretärin Auguste »Gusti« Adler, eine Nichte des Begründers der österreichischen Sozialdemokratie Victor Adler und in Wien bei ihren Eltern lebend, zeitweilig im Schloss Leopoldskron wohnte und hier arbeitete. Auch REINHARDTS Direktionssekretär und Regisseur Richard METZL – das Grab seiner Mutter befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg – wirkte fallweise im Schloss: Tribüne mondäner Cercles, Inszenierungen und Aufführungen wie Der eingebildete Kranke. Ohne Max REINHARDTS Schloss Leopoldskron gäbe es in Salzburg wohl keine Festspiele. Er war der Gründer der Salzburger Festspiele auf dem Domplatz anno 1920.

Max REINHARDT hatte großen Respekt vor Erzbischof Ignaz Rieder, der die Jedermann-Inszenierung vor dem Salzburger Dom wohlwollend prüfte. Der Regisseur erwies sich auch als profunder Kenner der katholischen Liturgie. Salzburg, die einstige Residenzstadt der Fürsterzbischöfe mit ihrem zentralen Dom, eine Kleinstadt, von Katholizismus und Gegenreformation geprägt, noch in den ersten Friedensjahren nach dem Weltkrieg von europäischen Eisenbahnrouten wie dem Orient-Express abgeschnitten, machte der Regiekünstler zur Weltbühne: hochsommerliche Festspiele als Friedenswerk, speziell goutiert vom großstädtischen Theaterpublikum, das im Salzkammergut und Gasteinertal wie in der verflossenen Doppelmonarchie zur Sommerfrische weilte, beispielsweise die jüdische Familie Sgalitzer aus Prag und Wien in ihrer Villa in St. Gilgen am Wolfgangsee.

Weniger bekannt ist, dass die Villa Sgalitzer unter dem NS-Regime enteignet und im befreiten Österreich nicht restituiert wurde. Mindestens neun Mitglieder der Familie Sgalitzer kamen in Auschwitz zu Tode. Ein Überlebender der Shoah, Dr. George W. Sgalitzer aus Seattle/USA, Arzt und Pianist, Member of the Honorary Board Salzburg Festival Society, erinnerte sich zeitlebens an Max REINHARDTS ersten Jedermann, an Alexander Moissi in der brillierenden Titelrolle. Am erzwungenen Abtritt Moissis zeigt sich aber, dass die Shoah ihr Vorspiel hatte – ein Jahr vor dem Machtantritt des NS-Regimes in Deutschland und sechs Jahre vor dem gewaltsamen »Anschluss« Österreichs an Deutschland.

Moissi, geliebt von den einen, gehasst von den anderen, spielte seine Leibrolle als Jedermann in sieben Festsommern, letztmalig am 30. August 1931. Wegen der gegen ihn als »den Juden« – Moissi war katholisch getauft – unablässig geführten Rufmord-Kampagne von Seiten Salzburger Antisemiten und Nationalsozialisten wollten die Salzburger Festspiele unter ihrem Präsidenten Baron Puthon den Star des REINHARDT-Ensembles in Berlin, Wien und Salzburg dazu bewegen, von sich aus seine Mitwirkung bei den Salzburger Festspiele 1932 abzusagen, ein Ansinnen, dem sich aber Moissi als Jedermann verweigerte, weshalb die Festspiele sich dazu genötigt sahen, ihn hinauszukomplimentieren, zu Fall zu bringen, was Moissi mit den Worten kommentierte: Ich habe mehr als den Verdacht, dass sie [die Rufmord-Kampagne] nicht mir allein gilt, sondern dass mit mir auch Max Reinhardt getroffen werden soll. Es gibt in Salzburg Kreise, denen Reinhardts Tätigkeit seit langem ein Dorn im Auge ist, freilich wagt man es nicht, ihn direkt anzupöbeln.

Zum Festspielpräsidenten wäre Max REINHARDT als Jude wohl nie gekürt worden. Trotz wütender Proteste von antisemitischer Seite benannte aber die Stadt Salzburg im Jubiläumsjahr der Festspiele 1930 den Platz vor dem alten Festspielhaus nach ihrem Gründer Max REINHARDT. Sowohl Neid und Hass als auch Anbetung und Hofierung begleiteten das Wirken des Theatermagiers, der über Politik und sein Jüdisch-Sein in der Öffentlichkeit nicht redete.

Max REINHARDT wollte das Salzburger Stadttheater in sein Theaterunternehmen einbinden, entschied sich aber für das Wiener Theater in der Josefstadt, wo er als Direktor Werke wie Der Diener zweier Herren und Der Schwierige inszenierte, die er im weiteren Verlauf in die Festspiel-Programme aufnahm, vornehmlich im Salzburger Stadttheater aufführen ließ. In der Festspielstadt inszenierte REINHARDT vierzehn Stücke: Jedermann, Das Salzburger große Welttheater, Der eingebildete Kranke, Mirakel, Die grüne Flöte, Turandot, Diener zweier Herren, Ein Sommernachtstraum, Kabale und Liebe, Die Räuber, Victoria, Der Schwierige, Stella und zum Schluss Faust im Jahr 1933.

Kiebitze, darunter Stefan ZWEIG – ein Wunder geschah, hockten in der dachlosen Felsenreitschule bei REINHARDTS Faust-Probe, worüber Wiens liberale Neue Freie Presse ehrfürchtig schrieb: Babylonisches Sprachengewirr, angeregte französische, deutsche, englische, italienische Konversation. Jetzt verstummen die Gespräche, alle Operngucker richten sich auf Professor Max Reinhardt [...] In den Kreis der Zecher treten Faust und Mephisto. Pallenberg hat sich keineswegs mephistophelisch adjustiert, er trägt kurze Hose und Salzburger Joppe. Aber schon beim ersten Wort umlodert ihn die Höllenglorie.

Mephisto Max Pallenberg, Ensemble-Mitglied REINHARDTS am Deutschen Theater, der den Ort seiner Triumphe, die Reichshauptstadt Berlin, 1933 verlassen musste, war sich der bedrängenden Situation in Salzburg nahe der geschlossenen Grenze zu Deutschland unter dem NS-Regime bewusst, ebenso sein Schwiegersohn, der aus München vertriebene Schriftsteller Bruno Frank, der mit seiner Gattin Liesl, Tochter der Operettendiva Fritzi Massary, in Salzburg Goethes aktuelle Tragödie vom deutschen Gelehrten, der seine Seele dem Teufel verschreibt, erleben durfte und gleich seinem Kollegen Thomas Mann aus der Sicht deutscher Exilanten schrieb: Das Werk hat mich so sonderbar überwältigt. Dies unnennbar hohe Deutsche – das ein paar Meter westlich von einer fußstinkenden Lumpenhorde vor dem Erdball auf lang hinaus verstraft und zum Gegenstand verachtenden Ekels gemacht wird.

In den folgenden Festspielsommern richteten sich die Operngucker vornehmlich auf den Dirigenten Arturo Toscanini. Daneben gerieten Konzerte, die einzigartig waren, wie sich rückblickend herausstellt, aus dem Blickfeld: ein Orchesterkonzert mit dem linkshändigen Pianisten Paul Wittgenstein und ein Kammerkonzert des Rosé-Quartetts mit der Violinistin Alma Rosé am 16. bzw. 30. August 1936. Zu berichten ist noch, dass bei den Festspielen 1936 ein Jubiläum zelebriert wurde: der 100. Jedermann. Aus diesem Anlass wurden vom österreichischen Bundespräsidenten die beiden Schauspielerinnen Dagny Servaes und Helene Thimig sowie Regisseur Richard Metzl mit dem Ritterkreuz des österreichischen Verdienstordens ausgezeichnet.

Trauer gab es in Theaterkreisen über den frühen Tod dreier Mitglieder des Deutschen Theaters in Berlin, dreier Ensemble-Mitglieder Max REINHARDTS und Mitwirkender bei den Salzburger Festspielen: Fritz RICHARD, recte LÖWIT, der bis 1932 in Jedermann, Der eingebildete Kranke, Turandot, Ein Sommernachtstraum und Stella zu sehen war, kam 63-jährig am 9. Februar 1933 in Berlin zu Tode, vermutlich gewaltsam bei der Machtübernahme des NS-Regimes. Seine Familie lebte damals in Parsch bei Salzburg. Seine ältere Tochter Frieda SCHABLIN, die im Gewaltjahr 1938 nach Paris flüchtete, wurde vom Camp de Drancy nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Max Pallenberg, der bei den Festspielen als Teufel in Jedermann, als Argan in Der eingebildete Kranke, als Truffaldino in Turandot und zuletzt 1933 als Mephisto in Faust auftrat, kam 56-jährig am 26. Juni 1934 bei einem Flugzeugabsturz zu Tode. Seine erste Ehefrau Betti, aus deren Ehe eine Tochter hervorging, und sein Bruder Isidor, Kontrolleur am Volkstheater in Wien, wurden unter dem NS-Regime ermordet. Max Pallenbergs zweite Ehefrau, Operettendiva Fritzi Massary, einmal bei den Festspielen als Adele in Die Fledermaus zu bewundern und als Jüdin vertrieben, starb in Beverly Hills.

Alexander Moissi, der als Bettler in Das Salzburger große Welttheater, als Orest in Iphigenie auf Tauris, als Franz in Die Räuber, als Kammerdiener in Kabale und Liebe auftrat und in sieben Festsommern den Jedermann als Leibrolle spielte, letztmalig im Sommer 1931 im Hotel Österreichischer Hof logierte, von den Salzburger Festspielen mit Undank verabschiedet wurde, 1933 auch Deutschland verlassen musste, starb 55-jährig an den Folgen einer verschleppten Grippe am 22. März 1935 in Wien.

Im Jahr 1933 musste auch Max REINHARDT Berlin verlassen, sein erster Schritt ins Exil, weitere folgten. Im Lauf des ersten Halbjahres 1934 gerieten in Salzburg einige private und öffentliche Gebäude, darunter das Palais des Erzbischofs, das Kaufhaus Ornstein, das Festspielhaus und REINHARDTS Schloss Leopoldskron ins Visier nationalsozialistischer Terroristen: Bombenattentate, die beträchtlichen Sachschaden anrichteten. Bei den Explosionen im Festspielhaus gab es auch Schwerverletzte. Die Presse berichtete wenig oder gar nichts über die Terrorakte, die als tourismus- und wirtschaftsschädigend galten. Die nach dem Anschlag auf Schloss Leopoldskron am 5. Juni 1934 verhafteten fünf Tatverdächtigen, Nachbarn REINHARDTS, wurden per Gerichtsbeschluss »außer Verfolgung gesetzt«. Aber im Schloss Leopoldskron sollte sich keiner seines Lebens mehr sicher fühlen.

Ende August 1934 reiste REINHARDT erstmals seit den 1920er Jahren wieder nach Amerika. Am 21. Mai 1935 bewarb er sich in Los Angeles/Hollywood, wo schon seine beiden Söhne Wolfgang und Gottfried mit ihrer Mutter lebten, um die Bürgerschaft der USA. Im Juni 1935 konnte er endlich, nach vielen Scheidungsquerelen, in Reno seine Lebenspartnerin, die Schauspielerin Helene Thimig heiraten.

Seine weiteren Amerika-Reisen in den Jahren 1935/36 und 1936/37 betrafen ebenso die Produktion eines Stückes im Auftrag des Zionisten Meyer W. Weisgal: Der Weg der Verheißung (Libretto von Franz Werfel, Musik von Kurt Weill), ein Oratorium über das jüdische Volk angesichts des nationalsozialistischen Terrors in Deutschland. In den Memoiren des Produzenten Meyer W. Weisgal heißt es: It was a strange document drawn up in a strange and ominous setting: three of the best-known un-Jewish Jewish artists, gathered in the former residence of the Archbishop of Salzburg [Schloss Leopoldskron], in actual physical view of Berchtesgaden, Hitller’s mountain chalet across the border in Bavaria, pledged themselves to give high dramatic expression to the significance of the people they had forgotten about till Hitler came to power.

Das jüdische Oratorium Der Weg der Verheißung in der Inszenierung REINHARDTS wurde freilich nicht in Österreich, sondern unter dem Titel The Eternal Road am 7. Jänner 1937 im Manhattan Opera House uraufgeführt. Auch im Festspielsommer 1937, REINHARDTS letzter in Salzburg, gab es keine Neuinszenierung. Als Gründer der Festspiele verspürte er, in Salzburg vom Zentrum an die Peripherie gedrängt zu werden, wie aus seinen Aufzeichnungen hervorgeht. Im Theater in der Josefstadt hatte er am 5. Oktober 1937 seine letzte Premiere: Franz Werfels Schauspiel In einer Nacht. Gleich darauf verließ REINHARDT sein Wien von Gestern, wohl ahnend, dass er nie mehr heimkehren sollte. Am 14. Oktober 1937 erreichte er New York: seine Endstation.

Egon Friedell, vormals Friedmann, der in den 1920er Jahren zu REINHARDTS Ensemble am Deutschen Theater in Berlin und Josefstädter Theater in Wien zählte, im Festspielsommer 1923 im Schloss Leopoldskron und Salzburger Stadttheater den Arzt Diafoirus in Molières Der eingebildete Kranke – Lachen über den Tod – spielte, beging am 16. März 1938 im nationalsozialistischen Wien Suizid. Es gab weder eine Pressemitteilung noch eine Todesanzeige – als ob Friedell nie existiert hätte.

Am 16. Dezember 1938 starb die 91-jährige Witwe Elisabeth Seyfferth, geborene Denemy, in Salzburg, zuletzt Ernest Thunstraße 13 – ohne öffentlichen Nachruf, weil unbekannt, vergessen und vereinsamt, hier ohne Hinterbliebene. Die Verstorbene, einst Schauspielerin und Sängerin am Salzburger Stadttheater, war allerdings die Mutter des Startenors Richard Tauber, der – schon zu Ehren seiner Mutter – im Juli 1921 am Stadttheater gastierte, was Salzburg damals registrierte: Erwähnt sei, dass die Mutter des Künstlers in Salzburg ansässig ist und Tauber selbst seine Jugend hier erlebte. Der Tenor glänzte überdies bei den Salzburger Festspielen als Don Ottavio, Belmonte und Eisenstein. Richard Tauber ging aber schon vor dem Jahr 1938 ins Exil nach London.

Karl Alwin, Rosette Anday, Richard Beer-Hofmann, Herbert Berghof, Margit Bokor, Claire Born, Paul Csonka, Ladislaus Czettel, Lili Darvas-Molnar, Irene Eisinger, Herbert Graf, Oscar Homolka, Harry Horner, Hans Jaray, Fritzi Jokl, Kurt Kasznar, Alexander Kipnis, Erich Kleiber, Otto Klemperer, Lotte Lehmann, Erich Leinsdorf, Emanuel List, Tilly Losch, Fritzi Massary, Richard Metzl, Bella Paalen, Rose Pauly, Arnold und Alma Rosé, Hedwig Schaffgotsch, Lotte Schöne, Elisabeth Schumann, Vera Schwarz, Rudolf Serkin, Walter Stiasny, Ludwig Stössel, Richard Tauber, Ralph Telasco, Marianne Walla, Lothar Wallerstein, Margarete Wallmann, Bruno Walter, Paul Weingarten, Gisela Werbezirk und Paul Wittgenstein, die bei den Salzburger Festspielen, Schauspiel und Tanz oder Konzert, Operette und Oper, mitgewirkt hatten, mussten wie Max REINHARDT, seine Ehefrau Helene Thimig und Sekretärin Gusti Adler ins Exil gehen.

Einigen gelang es, in ihrem Exilland Erfolgsgeschichte zu schreiben, zum Beispiel Herbert Berghof, der als Schüler REINHARDTS bei den Festspielen 1937 noch unbeachtet den Tod in Jedermann gespielt hatte, am Broadway als Nathan der Weise auftrat und überdies ein Schauspiel-Studio in Greenwich Village gründete und mit sensationellem Erfolg leitete: Anne Bancroft, Faye Dunaway, Liza Minelli, Geraldine Page, Jack Lemmon, Robert DeNiro und Al Pacino als seine Alumni – eine Erfolgsstory, noch heute in Deutschland und Österreich goutiert, weil entlastend, wobei allerdings störende Punkte bewusst ausgespart bleiben: Rebekka und Paul Berghof, die am 5. März 1941 von Wien nach Modliborzyce bei Lublin deportiert und ermordet wurden, waren die Eltern von Herbert Berghof.

Die meisten Vertriebenen hatten Verwandte, die unter dem NS-Regime in Österreich hängenblieben, entweder ermordet wurden oder bis zur Befreiung gefährdet waren. Außerdem schafften nicht alle Vertriebenen den Sprung in die freie Welt, zum Beispiel REINHARDTS Regisseur Richard Metzl, der in das noch freie Frankreich flüchtete, aber am 31. Oktober 1941 im besetzten Paris starb. Hedwig Schaffgotsch, die für den Salzburger Jedermann Tänze einstudiert hatte, war mit ihrem Ehemann Franz SCHAFFGOTSCH, Maler und Bühnenbildner, in einem kroatischen Ustascha-Lager inhaftiert. Er starb an den Haftfolgen in Ragusa. Die Witwe überlebte, kehrte nach der Befreiung zurück nach Salzburg. Hier erwartete sie ihr Sohn aus ihrer ersten Ehe mit Einar Nilson, REINHARDTS Hauskomponisten bei den Salzburger Festspielen.

Die Violinistin Alma Rosé, die nach dem Tod ihrer Mutter Justine, einer Schwester Gustav Mahlers, mit ihrem Vater Arnold Rosé nach England flüchtete, aber zu Konzerten in das besetzte Holland und von dort nach Frankreich ging, wurde in Dijon verhaftet und vom Camp de Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert, spielte dort im »Mädchenorchester« und kam am 5. April 1944 in Auschwitz zu Tode. Ihr Vater, vormals Wiener Philharmoniker, Konzertmeister der Staatsoper und Primarius des Rosé-Quartetts, bei den Salzburger Festspielen mitwirkend, starb 1946 in London. Sein älterer Bruder Eduard Rosé, mit Gustav Mahlers jüngster, schon 1933 verstorbenen Schwester Emma verheiratet, der als Cellist dem Rosé-Quartett angehörte und in Weimar lebte, kam 83-jährig am 21. Jänner 1943 im KZ Theresienstadt ums Leben.

Max REINHARDT, seit 29. November 1940 US-Bürger, den die Verfolgungen der Juden und die beschränkten Möglichkeiten zur Hilfe bedrückten, bemerkte, dass in Deutschland selbst Todesanzeigen für die Wehrlosen verboten seien: Mein Herz ist schwer ... (Teilnachlass: Wienbibliothek)

Er zählte allerdings zu den öffentlich geschmähten und zu den am 30. April 1938 auf dem Residenzplatz vor dem Salzburger Dom symbolisch verbrannten Juden: Unter den verkohlten Büchern befand sich die 1910 in Berlin erschienene Monografie Max Reinhardt von Siegfried Jacobsohn, Gründer und Herausgeber der pazifistischen Wochenschrift Die Weltbühne. Max REINHARDT zählte auch zu den ersten, deren zurückgelassene Güter, sein Schloss Leopoldskron, Wiege der Salzburger Festspiele, von der Gestapo geraubt wurden: Beschlagnahme am 25. April 1938 im Grundbuch vermerkt und seit Anfang 1940 »im Eigentum des Reichsgaues Salzburg«. Daraufhin äußerte sich der Betroffene in New York mit Groll auf Salzburg: Ich habe den Ruhm dieser Stadt mit den Festspielen in 18 Jahren erneuert und habe in dieser Zeit auch das Schloss für Menschen aus aller Welt erschlossen und zu einem Begriff gemacht. Das Unrecht, mir dafür diesen Besitz zu rauben, ohne den geringsten Rechtstitel, ja sogar ohne jede offizielle Mitteilung, liegt auf der Hand. (Teilnachlass: Wienbibliothek)

Sein Herz war schwer, aber vornehmlich aus Kummer um die im rassistischen Europa zurückgebliebenen und in Not geratenen Verwandten: seine Brüder Leo und Siegfried REINHARDT mit ihren Familien völlig verarmt in der Schweiz und in Holland, seine Schwester Jenny Rosenberg mit ihrer Familie besonders gefährdet in Berlin und ebenso seine voreheliche Tochter, die ihm 1938 aus Berlin schrieb: Entsetzliches Elend und höchste Not. Hilfe dringend erbeten. An seine Verpflichtung mahnte ihn auch seine Nichte Eva Rosenberg, der im April 1939 die Flucht in die USA gelang: Der Onkel wird an seine Schwester erinnert ... Mutti [Jenny Rosenberg] völlig allein in trostloser Lage zurückgelassen. Versucht verzweifelt nach Polen zu fahren ... Vergiss Mutti nicht. (Teilnachlass: Wienbibliothek)

Max REINHARDTS Schwester Jenny, die im Sommer 1939, noch vor Kriegsbeginn, ihrem Ehemann, dem aus Berlin vertriebenen Kunstmaler Hermann Rosenberg nach Polen nachreiste, sandte ihren letzten Hilferuf am 14. Jänner 1941 aus Lwow, vormals Lemberg in Galizien, an ihren Bruder in den USA: Hermann is dead. Have mercy with me [Have mercy on me = Psalm Davids 51]. Make everything possible ... (Teilnachlass: Wienbibliothek).

Max REINHARDT, an der Ungewissheit über das Schicksal seiner Verwandten und Freunde in Europa leidend, starb 70-jährig an den Folgen mehrerer Schlaganfälle am 31. Oktober 1943 in New York. Gewiss ist heute, dass seine am 24. Juli 1877 in Wien geborene Schwester Jenny die Terrorjahre nicht überstand, dass aber seine Brüder Leo und Siegfried mit ihren Familien überleben konnten, auch seine in Leopoldskron geborene Nichte Vita Rose und ebenso seine voreheliche Tochter Jenny.

Max REINHARDTS Grab befindet sich im Westchester Hills Cemetery in Hastings-on-Hudson, New York, wo berühmte Künstlerinnen und Künstler wie George Gershwin ihre Grabstätten haben. REINHARDTS jüngerer Sohn Gottfried, ebenfalls Regisseur, der bei den Salzburger Festspielen 1961/62 Jedermann inszenierte, fand 17 Jahre nach der Befreiung Österreichs für sein Vorhaben beim Präsidenten der Festspiele kein Gehör, die Urne seines Vaters, dessen 90. Geburtstag bevorstand, in der Festspielstadt mit prominenten Ehrengästen und Mitwirkenden aus dem Exil feierlich beisetzen zu lassen. Für eine derartige Feier hatten die Festspiele angeblich kein Geld, was Die Gemeinde, das offizielle Organ der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, stechend kommentierte: Die Salzburger Antisemiten, die den lebenden Reinhardt nicht mochten, wollten auch den toten Reinhardt nicht. Ihr Judenhass kennt keine Grenzen und kapituliert selbst angesichts des Todes nicht. (September 1962)

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Leopoldskronstraße 35 497m 497m, 313°  Prodinger, Georg
Thumegger Bezirk 5 588m 588m, 131°  Wöss, Balthasar
Bucklreuthstraße 13 869m 869m, 357°  Steinocher, Karl
Moosstraße 17 882m 882m, 301°  Kollinsky, Fritz
Steinbruchstraße 8 909m 909m, 345°  Fassa, Anna

Stolperstein

verlegt am 19.04.2013 in Salzburg, Schloss Leopoldskron, Leopoldskronstraße 56-58.

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