Franz Gotthard Schaffgotsch

HIER WOHNTE
FRANZ SCHAFFGOTSCH
JG. 1902
FLUCHT 1938
JUGOSLAWIEN
INTERNIERT DUBROVNIK
TOT 21.12.1942

Arenbergstraße 25

Schaffgotsch, Franz Gotthard

Franz Gotthard SCHAFFGOTSCH, am 13. Dezember 1902 in Bregenz geboren und katholisch getauft, war das achte von elf Kindern des Ehepaares Rosa, geborene von Schönberg, und Levin Gotthard Graf Schaffgotsch, der während der Monarchie Österreich-Ungarn die Bezirkshauptmannschaft in Bregenz leitete und zuletzt k. k. (kaiserlich-königlicher) Landespräsident in Salzburg war, wo er im August 1913 starb. Die nach österreichischem Recht in Salzburg heimatberechtigte Adelsfamilie wohnte im Stadtteil Äußerer Stein, Arenbergstraße 25.

Herkunft und Adresse lassen schwerlich auf die spezielle Biografie eines der elf Geschwister schließen: Franz SCHAFFGOTSCH beschritt nicht – entsprechend der Gepflogenheit seines Elternhauses – die Laufbahn eines Verwaltungsbeamten, er wurde vielmehr Künstler ohne abgeschlossene akademische Ausbildung. Er war wie schon sein Vorbild Alfred Kubin alsbald mit dem Stigma »entartet« behaftet. 1925 hatte er in einem Salzburger Kunstsalon seine erste provokante Ausstellung und im selben Jahr erschien seine Mappe Bestien mit phantastisch-grotesken Zeichnungen in München. In Salzburg konnte er sich als Bühnenbildner profilieren, indem er Märchenbilder für die Miniaturbühne des renommierten Marionettentheaters malte und zudem Kinderbücher illustrierte.1

Er war nebenbei Repräsentant einer noblen Automarke und bewegte sich gerne in Salzburgs Festival Society, wo er eine um 13 Jahre ältere Künstlerin lieben lernte, die geschiedene Gattin von Einar Nilson, Max Reinhardts Hauskomponisten, der die Jedermann-Musik komponiert hatte. Ende 1926 heirateten Franz SCHAFFGOTSCH und die zum katholischen Glauben konvertierte Hede Nilson im Salzburger Dom. Die Ehefrau, in Altona bei Hamburg als Hedwig Vetter geboren und evangelisch getauft (ihre Mutter war konvertierte Jüdin), hatte einen Sohn aus ihrer ersten Ehe, der bei seiner Mutter und ihrem zweiten Mann in Salzburg blieb. Sie wohnten zunächst im Stadtteil Parsch, schließlich im Elternhaus des Franz SCHAFFGOTSCH, dessen Mutter im Jahr 1940 starb.

Es heißt, dass SCHAFFGOTSCH als Mitglied des paramilitärischen Heimatschutzes im Juli 1934 an der Niederschlagung des nationalsozialistischen Putschversuches in Lamprechtshausen beteiligt gewesen sei. Verbürgt ist das nicht. Kein Zweifel besteht hingegen daran, dass SCHAFFGOTSCH während der österreichischen Diktatur ein Funktionär der Vaterländischen Front war, überdies ihrem zur Aufrechterhaltung der inneren Ordnung dienenden Schutzkorps angehörte und dass ihre Funktionäre ins Visier nationalsozialistischer Attentäter gerieten. So kam beispielsweise am 11. Juli 1934 bei einer Bombenexplosion, deren Ziel ein Bezirksführer der Vaterländischen Front war, die Passantin Hermine GRAUPNER zu Tode. Im September 1935 konnte ein Briefbombenanschlag auf zehn Adressaten, darunter Erzbischof Dr. Sigismund Waitz als Prominentester, vereitelt werden, wobei allerdings ein Kriminalpolizist, der die verdächtige Post zu öffnen hatte, schwer verletzt wurde. Bekannt ist außerdem, dass viele Terroranschläge nicht gerichtlich geahndet werden konnten, weil sich die nationalsozialistischen Attentäter der polizeilichen Verfolgung durch Flucht über die nahe Staatsgrenze in das Deutsche Reich zu entziehen wussten.

Bemerkenswert ist noch, dass in einer Akte des Landesgerichtes Salzburg, die eines der vielen ungeahndeten Attentate mit Sachschaden zum Gegenstand hat, auch der Name Franz SCHAFFGOTSCH als potenzielles Opfer aufscheint, womit immerhin bewiesen ist, dass er zum gefährdeten Personenkreis gehörte und dass ihm daher auch unter dem nationalsozialistischen Regime die Gefahr der Verfolgung drohte. Gewiss ist, dass die Gestapo-Stelle Salzburg im Gewaltjahr 1938 mindestens 35 »Schutzhäftlinge« als Opfer der politischen Rache – ohne vorherige gerichtliche Untersuchung und Verurteilung – in das KZ Dachau deportieren ließ, darunter Rudolf BEER, Johann FACINELLI, Wilhelm JAKOB, Otto KEMPTNER, Johann LANGER und Georg STRASSER.

Das Ehepaar Hedwig und Franz SCHAFFGOTSCH, das sich seit 16. Februar 1938 auf Erholungsurlaub in Ligurien befand, der anderthalb Monate dauern sollte, musste den von der Mehrheit der Österreicher bejubelten »Anschluss« Österreichs im März 1938 nicht miterleben, somit auch nicht den sofort einsetzenden Terror gegen Juden und politische Gegner. Pessimistische Nachrichten aus dem Elternhaus in Salzburg bewogen das Ehepaar SCHAFFGOTSCH zu einer ungewollten Emigration mit den Stationen Triest, Fiume (Rijeka), Insel Rab, Zagreb, Insel Sipan, Mostar, nochmals Insel Sipan und Dubrovnik. Mit dem deutschen Überfall auf Jugoslawien im April 1941, mit der damit verbundenen Herrschaft der faschistischen Ustascha in Kroatien und Bosnien-Herzegowina und mit der italienischen Besetzung jugoslawischer Küstengebiete und Orte wie Dubrovnik (Ragusa) nahm das Unheil für die beiden unter Entbehrungen leidenden Flüchtlinge aus Salzburg seinen Lauf: Das Ehepaar SCHAFFGOTSCH, das die kroatische Ustascha-Polizei – vermutlich auf Befehl der Gestapo – auf der Insel Sipan im September 1942 verhaftete, wurde in der unter der Kontrolle der italienischen Besatzung stehenden Stadt Dubrovnik interniert, jedoch nicht wie befürchtet sofort an die Gestapo ausgeliefert. In der Internierungshaft infizierte sich Franz SCHAFFGOTSCH mit Typhus. Er starb daran am 21. Dezember 1942, wenige Tage nach seinem 40. Geburtstag.

Seine Witwe, die ihre Identität zu verschleiern vermochte, überstand die Terrorjahre als Lazarett-Helferin in Jugoslawien und Italien, zuletzt in Turin, wo sich die befreite Hedwig Schaffgotsch und ihr Sohn Nils als US-Soldat zur freudigen Überraschung beider wiederfanden. Im Jahr 1949 publizierte sie als Hedwig Gräfin Schaffgotsch in München ihre Erinnerungen an die Fluchtjahre unter dem Titel Die Liebenden sind alle von einer Nation – Ein Frauenschicksal, endend mit einem Besuch in Salzburg, wo sie aber kein Quartier (keine ihr gewogenen Freunde und Verwandten) finden konnte: »So habe ich denn auch Salzburg als Heimat vollends hergeben müssen«.

Hedwig (Hede) Schaffgotsch, geborene Vetter, geschiedene Nilson, starb 87-jährig in München, wo auch ihr Sohn Nils C. Nilson als US-Bürger lebte.

1 Nikolaus Schaffer: Nachruf nach fünfzig Jahren. Zwei Künstlerschicksale während der NS-Herrschaft in Salzburg: Helene von Taussig und Franz Schaffgotsch, in: Das Salzburger Jahr 1988/1989, S. 12ff.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

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Arenbergstraße 33 134m 134m, 89°  Neuwirth, Gisela
Neuwirth, Max
Neuwirth, Henriette
Arenbergstraße 1 239m 239m, 272°  Sonnleithner, Karl
Volksgarten 345m 345m, 154°  Chartschenko, Michael
Schuchlenz, Johann
Rudolfskai 52 416m 416m, 233°  Schulhof, Alfred

Stolperstein

verlegt am 19.08.2016 in Salzburg, Arenbergstraße 25.

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