Hugo, Paula & Egon Singer

HIER WOHNTE
PAULA SINGER
GEB. WEISZFEILER
JG. 1894
DEPORTIERT 1942
THERESIENSTADT
1942 LUBLIN
ERMORDET IN
MAJDANEK
Meldeschein Familie Singer. Rückseite mit letzter Adresse Eckhaus Faberstraße 13 = Franz-Josef-Straße 9
Meldeschein Familie Singer. Rückseite mit letzter Adresse Eckhaus Faberstraße 13 = Franz-Josef-Straße 9

Franz-Josef-Straße 9

Singer, Egon Singer, Hugo Singer, Paula

Die in der Monarchie Österreich-Ungarn gut florierende Schuhfabrik Fränkel in Mödling und Temesvar hatte etliche Verkaufsläden, auch welche in Salzburg, in der Judengasse, Getreidegasse und nach einer Geschäftserweiterung im Haus Dreifaltigkeitsgasse 9. Anfang der 1920er Jahre übernahmen die Brüder Hugo und Rudolf SINGER, Wiener Juden, das Geschäft in der Dreifaltigkeitsgasse, das fortan Schuhhaus SINGER hieß. Mitte der 1920er Jahre ging der jüngere Bruder Rudolf zurück nach Wien.

Hugo SINGER, geboren am 26. Februar 1896 in Wien, seine jüdische Ehefrau Paula, geborene Weiszfeiler, geboren am 23. März 1894 in Bösing (Pezinok) bei Pressburg (ungarisch Pozsony, seit 1919 Bratislava), und ihr 1920 in Mödling geborener Sohn Alfred wohnten seit 1925 im gutbürgerlichen Andrä-Viertel, in einem »Hellerhaus«, Faberstraße 13/Franz Josef-Straße 9, 2. Etage. Am 30. April 1927 wurde ihr zweiter Sohn Egon in Salzburg geboren. Neun Monate später, am 2. Februar 1928, starb Egons siebenjähriger Bruder Alfred, bestattet auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen: das Grab eines Kindes ohne Hinweis auf das Schicksal seiner Familie.

Im November 1938 musste die Familie SINGER ihr Schuhhaus schließen (einem Sportartikelgeschäft Platz machen) und ihre schöne Wohnung in der Franz Josef-Straße räumen. Eine Schauspielerin war Nutznießerin der Vertreibung. Hugo, Paula und Egon SINGER flüchteten über Wien zu Verwandten in die damals noch freie Tschechoslowakei, seit März 1939 »Reichsprotektorat Böhmen und Mähren«, und wohnten zuletzt in Prag XII, Belgicka 17. Von dort wurde die Familie SINGER gemeinsam mit ihren Verwandten Josef, Michal, Dr. Erich Singer und ihren Ehefrauen am 12. Mai 1942 nach Theresienstadt und schon nach wenigen Tagen, am 17. Mai, nach Lublin-Majdanek im »Generalgouvernement« deportiert, wo der 46-jährige Hugo SINGER am 5. Juli 1942, der 15-jährige Egon am 23. September 1942 und die 48-jährige Paula SINGER ermordet wurden. Das Todesdatum der Ehefrau und Mutter ist unbekannt.1

Paula SINGERS Mutter Ernestina Weiszfeiler und ihre Geschwister Sigmund, Frieda, Samuel und Eugen wurden in Auschwitz ermordet (Gedenkblätter in der Shoah-Datenbank Yad Vashem). Hugo SINGERS ältere Schwester Olga und ihr Ehemann Max Fantl wurden in Lodz ermordet. Sein jüngerer Bruder Rudolf, der im September 1940 von Wien in die USA flüchten konnte, starb 1967 in Brookline, Massachusetts. Das Grab ihrer Eltern Katharina, geborene Mittler, und Salomon Singer befindet sich in der israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs.

1 Adolf Eichmann erhielt am 11. Jänner 1943 einen verschlüsselten Funkspruch des SS-Sturmbannführers Hermann Höfle mit den Zahlen der bis Jahresende 1942 in Lublin-Majdanek, Sobibor, Belzec und Treblinka ermordeten Juden: »… zusammen 1274166«. Der vom britischen Geheimdienst entschlüsselte und unter Verschluss gehaltene Funkspruch wurde erst im Jahr 2000 freigegeben. Hierauf kam die Rolle des Salzburgers Hermann Höfle wieder zur Sprache (Peter Witte, Stephen Tyas: A new Document on the Deportation and Murder of Jews during ‚Einsatz Reinhard’ 1942, in: Holocaust and Genocide Studies 15/3, pp. 468-486). Der am 19. Juni 1911 in Itzling (einst Gemeinde Gnigl) geborene Hermann Höfle war Mechaniker und Chauffeur in Salzburg, im November 1938 aktiv Beteiligter am Pogrom, auch Nutznießer der Vertreibung Salzburger Juden (die von Adolf JACOBY geräumte Wohnung im Haus Hubert Sattler-Gasse 13 war bis 1946 von der Familie Höfle besetzt) und während des Vernichtungskrieges »Judenreferent« im Stabe des Höheren SS- und Polizeiführers Odilo Globocnik, in dieser Funktion Organisator der »Aktion Reinhard«, somit einer der Hauptverantwortlichen der Judenvernichtung im »Generalgouvernement«. Hermann Höfle, der im Jahr 1947 zu seiner Familie nach Salzburg zurückkehrte und zuletzt in Parsch lebte, sollte sich im Zuge des Eichmann-Prozesses seiner Verantwortung für die Shoah stellen: Höfle erhängte sich am 21. August 1962 in seiner Gefängniszelle in Wien (siehe: Winfried R. Garscha: Das Scheitern des »kleinen Eichmann-Prozesses« in Österreich).

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Faberstraße 11 26m 26m, 146°  Spiegel, Bela Baruch
Spiegel, Therese
Franz-Josef-Straße 11 37m 37m, 53°  Weissenstein, Margarethe
Franz-Josef-Straße 12 39m 39m, 106°  Löwy, Amalie
Fischer, Ludwig
Fischer, Emilie
Franz-Josef-Straße 6 46m 46m, 256°  Aninger, Heinrich
Aninger, Klara
Franz-Josef-Straße 4 63m 63m, 249°  Hattinger, Alois
Kubin, Josefine

Stolperstein

verlegt am 22.06.2009 in Salzburg, Franz-Josef-Straße 9.

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