Ernst-Paul Stoiber

HIER WOHNTE
ERNST-PAUL STOIBER
JG. 1922
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 16. 1. 1942
ZUCHTHAUS
MÜNCHEN - STADELHEIM
HINGERICHTET 10.6.1943
Ernst-Paul Stoiber
Ernst-Paul Stoiber
Foto: Gert Kerschbaumer
Foto: Gert Kerschbaumer

Fanny-von-Lehnertstraße 6

Stoiber, Ernst-Paul

Ernst-Paul STOIBER, geboren am 10. Mai 1922 in Salzburg, war das ältere von zwei Kindern des Ehepaares Franziska und Michael STOIBER, der Eisenbahner, Mitglied des Republikanischen Schutzbundes, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und Freien Gewerkschaft bis zu ihrem Verbot im Februar 1934 war. Die Familie STOIBER, die schon im Jahr 1927 die katholische Kirche verließ und zur Freidenkerbewegung zählte, war nach österreichischem Recht in Salzburg heimatberechtigt und wohnte im Stadtteil Elisabethvorstadt, in einem Personalhaus der Österreichischen Bundesbahn, Fanny-von-Lehnertstraße 6.

Ernst-Paul machte eine Tischlerlehre und erlebte als Jugendlicher die österreichische Diktatur und das NS-Regime. Im Gewaltjahr 1938 wurde er sechzehn Jahre alt. Am 3. Oktober 1941 musste er als Neunzehnjähriger zur Deutschen Wehrmacht einrücken. In der Zwischenzeit waren Ernst-Paul und seine ebenfalls im sozialdemokratischen Milieu sozialisierten jungen Freunde Franz OFNER, Friseur im Stadtteil Itzling, Rosa HOFMANN, Näherin in Maxglan, und die beiden Tischlergesellen Rupert Steiner und Josef »Joschi« Brunauer1 in der kommunistischen Jugend aktiv, somit in der Illegalität und unter besonders gefährlichen Bedingungen nach dem Angriff des NS-Regimes auf die Sowjetunion. Die kommunistische Jugendgruppe sah ihre primäre Aufgabe in der Aufklärung junger Menschen über Faschismus und Krieg. Sabotage und Waffengebrauch kamen nicht in Frage, Verweigerung des Kriegsdienstes ebenso wenig. Im Februar 1941 wurde Franz OFNER als erster seiner Jugendgruppe zur Deutschen Wehrmacht eingezogen. Ernst-Paul STOIBER leitete die Gruppe bis zu seiner Einberufung im Oktober 1941. Schließlich war seine Freundin und Genossin Rosa HOFMANN Jugendleiterin.

Zu Beginn des Kriegsjahres 1942 gelang es der Gestapo, alle Widerstandsgruppen der Sozialisten und Kommunisten durch Einschleusen eines Spitzels aufzurollen und zu zerschlagen. Um jegliche organisierte Widerstandsregung für immer zu ersticken, ließ die Gestapo neun Ehefrauen aus den kommunistischen Ortsgruppen Gnigl, Itzling und Hallein vom Polizeigefängnis Salzburg mit Sammeltransporten nach Auschwitz deportieren. Mindestens 79 Aktivistinnen und Aktivisten aus den kommunistischen und sozialistischen Widerstandsgruppen in Stadt und Land, darunter die Jugendlichen Rosa HOFMANN, Ernst-Paul STOIBER und Franz OFNER, kamen in Konzentrationslagern oder Zuchthäusern zu Tode.

Besonders tragisch verlief der Lebensweg des jungen Ernst-Paul STOIBER, der seit 17. April 1942 im Gefangenenhaus des Landesgerichtes Salzburg inhaftiert war: Als er am 24. April 1942 zum Verhör in die Gestapozentrale geführt werden sollte, stürzte er sich aus dem 2. Stock des Stiegenhauses in die Tiefe. Er überlebte schwerverletzt. Kaum geheilt wurde er am 2. November 1942 vom »Volksgerichtshof« (2. Senat unter dem Vorsitz Walter Hartmanns im Schwurgerichtssaal des Landesgerichts Salzburg) wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zum Tode verurteilt und 21-jährig am 10. Juni 1943 in München-Stadelheim geköpft. Seine Eltern erhielten einen Abschiedsbrief:

Meine Liebsten! Meine liebe Eltern, der Rückblick in mein kurzes Leben fällt bis zum 17. April vorigen Jahres sehr gut aus. Den Dank, daß Ihr mir so ein Leben gewährt habt, kann ich Euch leider nur in Worten ausdrücken. Ihr werdet es natürlich verfluchen, daß Ihr mich nicht fester und strenger gehalten habt, aber tut es nicht, denn es wäre ganz gegen meine Anschauung, denn wäre es nicht so wie es jetzt ist, so müßte ich Menschen um das Leben bringen. Nehmt Euch den besten Trost genauso wie ich und denkt fatalistisch. Ich glaube, daß ich auch Grund dazu habe so zu denken, da ich ja nach meinem eigenen Willen mein Leben schon vergangenes Jahr beschlossen hätte, aber ich hatte den Kelch noch nicht ganz geleert gehabt, also mußte ich auch noch den letzten Tropfen des bitteren Trankes genießen. Ich habe ihn aber auch noch genossen und diese Menschen, die sich mit dem Namen »Weltverbesserer« schmücken, haben meine volle Verachtung, aber nicht, da sie mich verraten haben, sondern daß sie über so viele Menschen die sich zum Teil nicht bewußt waren, was sie taten, in so ein Elend herein gebracht haben. Ob sie ihren Judaslohn dafür bekommen, ist ja noch in Frage gestellt, sollten sie ihn aber bekommen, so wird auch denen, die ein Ehrgefühl haben, das Leben vereitelt sein. Ich habe heute noch eine Abhandlung über Sokrates gelesen, auch dieser große Mann sagte: Man muß Gott mehr folgen als den Menschen, so kann ich als kleiner sagen, meine Idee stand mir höher als mein Leben. Also meine lieben Eltern seid stark, seid nicht zu Tode betrübt, Ihr wißt, ich habe gerne gelacht, laßt Euch durch meinen Tod das Leben nicht ganz unerträglich machen, sondern werdet wieder froh, da ich ja alles überstanden habe und ich gut aufgehoben bin. Ich danke Euch zum letzten Male für alles Gute, das Ihr mir in meinem Leben erwiesen habt, Ihr seid und ward meine besten Freunde und verabschiede mich von Euch für immer für dieses Leben Euer Ernstl.

Seine damals 19-jährige Schwester Irmgard erhielt ebenfalls einen Abschiedsbrief:

Mein liebes Schwesterlein! An Dich richte ich meinen ganzen Appell, unseren Liebsten diesen Schlag tragen zu helfen und auf Deinem bisherigen Posten doppelt und dreifach zu wirken. Ich übergebe Dir natürlich hiermit die schwerste Aufgabe und bin aber der festen Überzeugung, dass Du sie bewältigen wirst. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen für Dein künftiges Leben alles Gute, werde glücklich, baue Dir ein menschenwürdiges Dasein auf. [...] Von Deinem Bruder Ernst

Seine Schwester Irmgard war als politisch Verfolgte vom 10. Juli 1942 bis 29. März 1943 in Salzburg inhaftiert, wurde aber von der Anklage freigesprochen. Sie heiratete nach der Befreiung Salzburgs und starb hier 60-jährig. Ihre Mutter starb 76-jährig im Jahr 1967, ihr Vater 99-jährig im März 1988 in einem Altersheim. Im Jahr 1994 wurde auf Initiative des antifaschistischen Personenkomitees nach Ernst-Paul STOIBER ein Verkehrsweg in der Stadt Salzburg – knapp vor Himmelreich – benannt.

1 Rupert Steiner, geboren am 18. April 1920 in Hallein, überlebte die politische Verfolgung (Haft, Wehrmacht, Strafeinheit), war hernach Bezirksleiter der »Freien Österreichischen Jugend« (FÖJ/KPÖ) und starb am 24. April 1992 in Hallein. Josef Brunauer, geboren am 4. August 1921 in Salzburg, überlebte ebenfalls die politische Verfolgung (Haft, Wehrmacht, Kriegsgefangenschaft), war hernach Gewerkschaftsfunktionär, SPÖ-Politiker, Landtagsabgeordneter, Landesrat und Präsident der Arbeiterkammer und starb am 9. September 1999 in Salzburg.

Quelle

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Elisabethstraße 49 88m 88m, 292°  Hartl, Rudolf
Elisabethstraße 53 89m 89m, 330°  Mattseeroider, Franziska
Engelbert-Weiß-Weg 10 93m 93m, 146°  Weiss, Engelbert
Elisabethstraße 28 97m 97m, 263°  Hoch, Josef
Salzburger Schützenstraße 17 285m 285m, 38°  Schamberger, Theresia

Stolperstein

verlegt am 18.04.2013 in Salzburg, Fanny-von-Lehnertstraße 6.

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