Margarete Wallmann

HIER WIRKTE
MARGARETE WALLMANN
JG. 1904
CHOREOGRAFIN
FLUCHT 1938
ARGENTINIEN
Margarethe Wallmann, unbekannter Fotograf, um 1925
Margarethe Wallmann, unbekannter Fotograf, um 1925
Margarita Wallmann: Les balcons du ciel. Mémoires, Paris 1976
Margarita Wallmann: Les balcons du ciel. Mémoires, Paris 1976

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Margarete WALLMANN, geboren am 22. Juni 1904 in Berlin, Holsteiner Ufer 10, war die ältere von zwei Töchtern des jüdischen Ehepaares Selma, geborene Daniel (geboren am 1. April 1881 in Krefeld), und Paul Wallmann (geboren am 21. Juni 1870 in Stralsund), Lederhändler von Beruf.

Geburt und Herkunft der einst weltberühmten Künstlerin Margarete WALLMANN lagen jahrzehntelang im Dunkeln, da Familiäres und Privates in ihrer glamourösen Autobiografie Les balcons du ciel verschwiegen wird: ihr jüdisches Geburtshaus, ihr Religionswechsel, ihre Taufe in der Berliner Pfarre Sankt Ludwig und der Tod ihrer Eltern im KZ Bergen-Belsen.

Grundlos war ihr Schweigen allerdings nicht – angesichts der Anfeindungen, denen Künstlerinnen und Künstler jüdischer Herkunft in ihrem antisemitischen Umfeld ausgesetzt waren.

Margarete WALLMANN war Tänzerin und Choreografin des modernen Tanzes in Berlin, als sie 1931 auf Empfehlung des Dirigenten Bruno WALTER eingeladen wurde, mit ihrem Tanzensemble, dem »Tänzer-Kollektiv«, an Produktionen der Salzburger Festspiele mitzuwirken.

Am 15. August 1931 hatte Christoph Willibald Glucks Oper Orfeo ed Euridice (Orpheus und Eurydike) unter dem Dirigenten Bruno WALTER im Festspielhaus Premiere – »ein Meisterstreich«, der namhafte Kritiker in Begeisterung versetzte.

Die Choreografie wirkte hingegen neuartig und fremd, fand aber dennoch große Anerkennung: Margarete WALLMANN habe die Tanzkunst »auf wundervolle Höhe« zu heben vermocht, bemerkte der Schriftsteller Emil Ludwig im Feuilleton der Neuen Freien Presse vom 25. August 1931.

Das jüngste Gericht ist ein »Bewegungsdrama« oder »Tanz-Mysterien-Spiel« von Felix Emmel, das Margarete WALLMANN mit ihrem Tanzensemble am 22. August 1931 im Festspielhaus zur Uraufführung brachte.

WALLMANN war Regisseurin, Choreografin und Tanzakteurin (»Engel der Gnade«) in einer Person. Kritiker lobten die Darbietung überschwänglich, sahen darin sogar ein Pendant zum Salzburger Jedermann:

… Und das Experiment, das Felix Emmel und Margarete Wallmann unternahmen, ist restlos gelungen. Ich möchte dieses Drama – Ballett ist ein viel zu banaler und irreführender Name, der vermieden werden sollte – als ein Pendant zu Jedermann bezeichnen. […]
Wohl manche aus der Riesenschar begeisterter Zuschauer, die am Schluss der Vorstellung in den brausenden, sich immer wieder erneuernden Beifallssturm ausbrachen, hatten das Gefühl, der Uraufführung eines Werkes beigewohnt zu haben, dem noch eine große Zukunft bevorsteht. M. S.

Neuigkeits-Welt-Blatt, 29. 8. 1931, S. 6

Margarete WALLMANNs furiose Kunst der modernen Choreografie blieb bis 1937 hochrangiger Programmpunkt der Salzburger Festspiele. In ihren Annalen sind außer den genannten Produktionen Orfeo ed Euridice und Das jüngste Gericht noch Goethes Faust, Carl Maria von Webers Oberon und Euryanthe, Mozarts Don Giovanni und Le Nozze di Figaro und Verdis Falstaff verzeichnet.

In den Annalen der Salzburger Festspiele finden wir auch die »Leading Teams« mit internationaler Strahlkraft: Max REINHARDT, Lothar WALLERSTEIN, Arturo TOSCANINI, Bruno WALTER und – als singuläre Erscheinung – Margarete WALLMANN, die REINHARDT mit den Worten »très chère Wallfrau« amikal zu begrüßen pflegte.1

Beachtenswert ist ferner, dass Margarete WALLMANN zur Ballettchefin der Wiener Staatsoper avancierte und den Vorstand der Wiener Philharmoniker Hugo Burghauser heiratete. Ihre Ziviltrauung während eines Gastspiels in London – Friderike und Stefan ZWEIG fungierten als Trauzeugen – sorgte in Österreich für mediale Erregung:

Sensationelle Künstlerhochzeit in London.
Neues Wiener Journal, 5. 5. 1934, S. 6

Die kirchliche Trauung während der Salzburger Festspiele am 5. August 1934 in der Ruperti-Kapelle des Salzburger Domes blieb hingegen der Öffentlichkeit verborgen, desgleichen die Scheidung im Februar 1939 am Landesgericht Wien.

Hugo Burghauser und Margarete WALLMANN hatten das nationalsozialistische Wien allerdings schon 1938 auf getrennten Wegen verlassen: er nach Nordamerika und sie nach Südamerika, Buenos Aires.

Margarete WALLMANNs jüngere Schwester, die am 26. August 1906 in Berlin geborene Charlotte Edith, heiratete 1934 in Haifa den Berliner Architekten Harry Rosenthal, lebte nach ihrer Scheidung in London, zunächst als Refugee (enemy alien) und nach Kriegsende als britische Staatsbürgerin.

Margarete und Charlotte WALLMANNs Eltern Selma und Paul flüchteten nach dem November-Pogrom 1938 von Berlin nach Holland zu Verwandten in Hilversum, wurden aber unter der deutschen Okkupation im Camp Westerbork interniert und am 12. Jänner 1944 in das KZ Bergen-Belsen deportiert: Tod des Vaters Paul am 24. Dezember 1944 in Bergen-Belsen und Tod der Mutter Selma nach der Befreiung Bergen-Belsens am 24. Mai 1945 an Haftfolgen (Arolsen Archives).

Margarita WALLMANN, mittlerweile argentinische Staatsbürgerin, war über das Befreiungsjahr 1945 hinaus am Teatro Colón engagiert. Schließlich machte sie als Opernregisseurin Karriere in Mailand, Rom, Paris, New York, Monaco, Berlin und – sehr geschätzt von Herbert von Karajan – in Wien.

Ihre Inszenierungskunst war außerdem in den Salzburger Festspielsommern 1954, 1955 und 1960 zu bewundern: Salzburger Divertimento (Mozart); La Dance des Morts (Arthur Honegger) und Perséphone (Strawinsky); Mysterium von der Geburt des Herrn (Frank Martin).

Margarete oder Margarita WALLMANN hatte ein erfülltes künstlerisches Leben. Sie starb 87-jährig am 2. Mai 1992 in Monaco, bestattet auf dem Friedhof von Monaco.

Im öffentlichen Raum ihrer ehemaligen Wirkungsorte Wien und Salzburg existiert ihr Name nicht.

1 Laut Recherchen von Ulrike Messer-Krol und Erwin Messer war es Erwin Kerber, Direktor der Wiener Staatsoper, der in seinen Briefen Margarete WALLMANN »ma très chère Wallfrau« nannte, da er der Ansicht war, eine solche feminine Erscheinung dürfe kein »mann« im Namen tragen. Max Reinhardt nannte sie »Schwester Buonafeda«, da ihr Outfit einer Nonnentracht glich.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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Stolperstein

verlegt am 17.08.2020 in Salzburg, Max-Reinhardt-Platz.

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