Engelbert Weiss

HIER WOHNTE
ENGELBERT WEISS
JG. 1891
IM WIDERSTAND
VERHAFTET 5.2.1942
ZUCHTHAUS
BERLIN-PLÖTZENSEE
HINGERICHTET 7.4.1944
Engelbert Weiss
Engelbert Weiss
Gedenktafel für Engelbert Weiss am ehem. Wohnhaus
Gedenktafel für Engelbert Weiss am ehem. Wohnhaus
Foto: Gert Kerschbaumer
Foto: Gert Kerschbaumer

Engelbert-Weiß-Weg 10

Weiss, Engelbert

Engelbert WEISS, am 30. April 1891 in Thalgau bei Salzburg geboren und katholisch getauft, war Metalldreher, Werkmann der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB). Er lebte seit 1909 in Salzburg und heiratete die in Gnigl geborene Theresia Plainer. Das Ehepaar hatte eine Tochter, die 1920 in Salzburg geborene Elisabeth (Lisl). Die nach österreichischem Recht in Salzburg heimatberechtigte Familie wohnte im ÖBB-Personalhaus Südtirolerplatz 5, unweit des Hauptbahnhofs.

Der Eisenbahner Engelbert WEISS war Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, ihrer Nebenorganisationen und ihres Republikanischen Schutzbundes, überdies aktiver Gewerkschafter (Vertrauensmann der Eisenbahner) bis zum Verbot aller Arbeiterorganisationen durch die österreichische Diktatur im Februar 1934. Unter dem Austrofaschismus zählte er nicht zu den verfolgten Revolutionären Sozialisten Österreichs (RSÖ), deren Salzburger Gruppe Josef PFEFFER leitete. Unter dem NS-Regime wurde PFEFFER, der an der organisierten Fluchthilfe für gefährdete jüdische Funktionäre der verbotenen Sozialdemokratie beteiligt war, in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und dort 33-jährig am 28. Jänner 1945 ermordet.

Im Sommer 1939 entschloss sich der in der Reichsbahnwerkstätte Salzburg beschäftigte Engelbert WEISS, die unter der österreichischen Diktatur zerschlagene Organisation der Revolutionären Sozialisten zu reaktivieren und entlang den verzweigten Schienenwegen im Land Salzburg auszubauen, wobei ihm seine Vertrauensleute August GRUBER (Salzburger Eisenbahn- und Tramway-Gesellschaft), Alfred Reska (Hochbaubahnmeisterei), Karl Seywald und Thomas Ganisl (beide Stadtgemeinde) zur Seite standen. Der Eisenbahner Anton GRAF fungierte als Verbindungsmann zwischen der Salzburger RSÖ-Leitung und den Spitzenfunktionären in Wien, Tirol und Bayern, die ihre konspirativen Aktivitäten zu koordinieren versuchten. Bekannt ist überdies, dass die bayrischen Widerstandskämpfer Hermann Frieb und Josef (Bebo) Wager in den ersten Kriegsjahren, zuletzt Anfang 1942, in den Wohnungen von Anton GRAF und Engelbert WEISS an konspirativen Gesprächen teilnahmen. Mit den Beiträgen der RSÖ-Mitglieder konnten konspirative Aktivitäten finanziert und in Not geratene Familien, Genossen und Arbeitskollegen unterstützt werden.

Derweilen war es einem Gestapomann aus Bayern gelungen, in das Widerstandsnetz einzudringen. Der im August 1941 nach Salzburg zugezogene Gestapo-Beamte Josef Kirschner agierte als verdeckter Ermittler in den konkurrierenden Gruppen der Kommunistischen Partei Österreichs (KPÖ) und der Revolutionären Sozialisten Österreichs, denen es misslungen war, sich zusammenzuschließen und damit die Widerstandsbewegung zu stärken. Anfang des Kriegsjahres 1942 vermochte die Gestapo zunächst die beiden Widerstandsgruppen in Salzburg und schließlich das gesamte überregionale Widerstandsnetz aufzurollen und zu zerschlagen. Die verhafteten RSÖ-Mitglieder, rund 85 aus Stadt und Land Salzburg, vorwiegend Eisenbahner, denen weder Waffengebrauch noch Sabotage nachgewiesen werden konnte, wurden ausnahmslos wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« angeklagt. Bemerkenswert ist dabei, dass in den Anklagen und Urteilen gegen RSÖ-Aktivisten die Beschuldigung fehlt, sie hätten das Ziel verfolgt, »die Alpen- und Donaugaue [Österreich] vom Reich loszureißen« – eine Beschuldigung, die vornehmlich in den Urteilen gegen KPÖ-Aktivisten zu lesen ist. Die illegale KPÖ hatte sich – im Gegensatz zu den Revolutionären Sozialisten Österreichs – die Wiederherstellung der Unabhängigkeit Österreichs bereits im »Anschluss«-Jahr 1938 zum Ziel gesetzt, womit sie ihrem Widerstand gegen das NS-Regime eine betont österreichisch-patriotische Orientierung gab. Der »Volksgerichtshof« definierte die Revolutionären Sozialisten jedoch ebenfalls als marxistische Organisation, die auf den »gewaltsamen« Sturz des Nationalsozialismus hinzuwirken versuchte, und dies speziell nach dem Angriff auf die Sowjetunion, was als besonders erschwerend galt.

Der am 5. Februar 1942 verhaftete Engelbert WEISS, Obmann der Revolutionären Sozialisten in Salzburg, wurde – gemeinsam mit seinen Genossen Alfred Reska und Karl Seywald – am 19. September 1943 vom Gefangenenhaus des Landesgerichtes Salzburg in das Zuchthaus Berlin-Plötzensee überstellt und – wieder gemeinsam mit seinen Genossen Alfred Reska und Karl Seywald – am 28. September 1943 in der Berliner Zentrale des »Volksgerichtshofes« (6. Senat unter dem Vorsitz des »Volksgerichtsrates« Hermann Granzow) wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« zum Tode verurteilt – mit folgender Begründung:

Bezüglich der inneren Tatseite haben sich die Angeklagten bis zuletzt zu keinem offenen Geständnis entschließen können. Trotzdem sie zugeben müssen, die Organisation der Revolutionären Sozialisten Österreichs in Salzburg neu aufgebaut zu haben, machen sie geltend, der ausschließliche Zweck ihrer Tätigkeit sei gewesen, eine Unterstützungsaktion zugunsten der Familien in Haft genommener oder sonst in Not geratener Arbeitskameraden durchzuführen. Dabei habe ihnen jegliche politische Betätigung ferngelegen. Diese Einlassung der Angeklagten ist auf Grund der Hauptverhandlung einwandfrei widerlegt. Diese haben sich schon dadurch in illegaler Weise politisch betätigt, dass sie alte marxistische Gesinnungsfreunde warben und bei ihnen für die Zwecke der RSÖ regelmäßig Beiträge kassierten. Sie haben damit diese zu marxistischen Zellen zusammengefasst. Dabei ist nicht von Bedeutung, ob die gesammelten Beiträge wirklich in erster Linie zur Unterstützung von Angehörigen verhafteter oder sonst notleidender Arbeitskameraden Verwendung finden sollten. Sinn der Sammlung und Zahlung der Beiträge war auf jeden Fall, nach Art der Roten Hilfe das marxistische Solidaritätsgefühl zu erhalten und zu stärken. […] Die drei Angeklagten haben hiernach durch ihre Tätigkeit bewusst auf die Verwirklichung der Ziele der RSÖ hingewirkt. Diese bestehen ebenso wie die Bestrebungen aller anderen marxistischen Organisationen seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus in der gewaltsamen Beseitigung der nationalsozialistischen Staatsführung im Reich.[…] Die Angeklagten haben ihre hochverräterischen Umtriebe bis Anfang 1942, also bis weit nach dem Beginn des Krieges gegen die Bolschewisten [Sowjetunion] fortgesetzt. Durch ihre Wühlarbeit haben sie die Geschlossenheit der inneren Front des deutschen Volkes erheblich gefährdet und sich damit in dessen Kampf auf Leben und Tod zu Handlangern des Feindes gemacht. Hinzu kommt, dass sie durch ihr verbrecherisches Treiben zahlreiche Volksgenossen vom rechten Weg abgebracht und sie und ihre Familien in namenloses Unglück gestürzt haben. Durch dieses volksschädliche Verhalten haben sich die Angeklagten selbst aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen. Sie müssen daher für immer aus dieser ausgemerzt werden.

Engelbert WEISS, der mittlerweile verwitwet war (seine Ehefrau Theresia ist im März 1941 in Salzburg an Lungentuberkulose gestorben), wurde 52-jährig am 7. April 1944 (Karfreitag) im Landesgericht Wien enthauptet. Vor seiner Hinrichtung appellierte er noch an seine Freunde:

Mit diesen Zeilen nehme ich Abschied von Euch und der Welt. Es ist nun doch alles anders gekommen, als wir geglaubt haben. Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Heute wurde mir mitgeteilt, dass meine Begnadigung abgelehnt wurde. Ich muss also sterben. Heute abend um sechs Uhr am Karfreitag ist mein Leben zu Ende. Ich sterbe aufrecht. Verzeiht mir, dass ich Euch diesen Kummer bereitet habe, dieses Schuldbewusstsein drückt mich; ansonsten füge ich mich in das unabänderliche Schicksal. Haltet Zusammen! Meine Freunde sollen mich nicht vergessen. Ich bitte Euch nochmals: Haltet zusammen! Erfüllt mir diese letzte Bitte. Es erleichtert mir das Sterben.

Bemerkenswert ist noch, dass seine ebenfalls zum Tode verurteilten Genossen Reska und Seywald zu zehn bzw. acht Jahren Zuchthaus begnadigt wurden. Die beiden überstanden die Terrorjahre. In Konzentrationslagern und Zuchthäusern kamen jedoch mindestens 79 Aktivistinnen und Aktivisten, davon 29 Eisenbahner, aus den kommunistischen und sozialistischen Widerstandsgruppen in Stadt und Land Salzburg zu Tode, darunter zwölf RSÖ-Genossen: Valentin AGLASSINGER, Karl BÖTTINGER, Anton GRAF, August GRUBER, Konrad LORENZ, Josef MACKINGER, Josef PFEFFER, Franz ROIDER, Johann WAGNER und Engelbert WEISS sowie die beiden Eisenbahner Georg Klappacher und Johann Pramer aus Hallein. Nach der Befreiung Salzburgs starb Karl RINNERTHALER an den Haftfolgen. Im spanischen Bürgerkrieg fielen die jungen RSÖ-Aktivisten Walter HINTSCHICH und Franz SCHMIDHAMMER als Angehörige des Österreicher-Bataillons 12. Februar 1934.

Im Jahr 1951 beschloss der Gemeinderat der Stadt Salzburg, den entlang den Personalhäusern im Bahnhofsviertel führenden Weg nach Engelbert WEISS zu benennen. 1965 wurde eine von der Gewerkschaft der Eisenbahner gestiftete und an der Fassade des Hauses Engelbert-Weiß-Weg 20 angebrachte Bronzetafel enthüllt. Elisabeth (Lisl), die verwaiste Tochter des Widerstandskämpfers Engelbert WEISS, starb 1993 in Salzburg. Die Salzburger Gebietskrankenkasse, die ihr Servicezentrum seit 2007 am Engelbert-Weiß-Weg hat, ist Patin des Stolpersteins für Engelbert WEISS.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Fanny-von-Lehnertstraße 6 93m 93m, 326°  Stoiber, Ernst-Paul
Elisabethstraße 28 163m 163m, 294°  Hoch, Josef
Elisabethstraße 49 174m 174m, 309°  Hartl, Rudolf
Elisabethstraße 53 183m 183m, 328°  Mattseeroider, Franziska
Lastenstraße 24 272m 272m, 106°  Lorenz, Konrad

Stolperstein

verlegt am 07.07.2011 in Salzburg, Engelbert-Weiß-Weg 10.

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