Paul Wittgenstein

HIER WIRKTE
PAUL WITTGENSTEIN
JG. 1887
PIANIST 
FLUCHT 1938
USA
Paul Wittgenstein als einarmiger Pianist am Flügel<br>Quelle: wikipedia.org
Paul Wittgenstein als einarmiger Pianist am Flügel
Quelle: wikipedia.org
Paul und Ludwig, der heute berühmte Philosoph in den 1890er-Jahren<br>Quelle: wikipedia.org
Paul und Ludwig, der heute berühmte Philosoph in den 1890er-Jahren
Quelle: wikipedia.org
Grabstein Paul und Hilde Wittgenstein<br>Quelle: findagrave.com
Grabstein Paul und Hilde Wittgenstein
Quelle: findagrave.com

Max-Reinhardt-Platz

Anday, Rosette Bokor, Margit Buxbaum, Friedrich Fischer, Paul Graf, Herbert Horner, Harry Kipnis, Alexander Kleiber, Erich Lehmann, Lotte Leinsdorf, Erich Moissi, Alexander Paalen, Bella Pauly, Rose Reinhardt, Max Rosé, Alma Rosé, Arnold Schaffgotsch, Hedwig Schöne, Lotte Schumann, Elisabeth Stössel, Ludwig Stwertka, Julius Thimig, Helene Toscanini, Arturo Walla, Marianne Wallerstein, Lothar Wallmann, Margarete Walter, Bruno Wittgenstein, Paul

Paul WITTGENSTEIN, geboren am 5. November 1887 in der Haupt- und Residenzstadt Wien, am 27. November 1887 in der Dompfarre St. Stephan getauft, war das siebente von acht Kindern des 1874 in der Dompfarre St. Stephan getrauten Ehepaares Leopoldine, geborene Kallmus, und Karl Wittgenstein.

Wittgenstein Senior war einer der erfolgreichsten Industriellen der Habsburger-Monarchie, ein Millionär, der mit seiner Familie ein Stadtpalais bewohnte und ehrfurchts- oder neidvoll als »der Amerikaner« betitelt wurde.

Als er 1913 starb, wurde die Öffentlichkeit über seine feierliche Einsegnung in der Lutherischen Stadtkirche informiert. Er war folglich evangelisch (Augsburger Bekenntnis). Seine Frau war katholisch, ihre Kinder ebenso, jedenfalls taufscheinmäßig – »eine früh assimilierte jüdische Familie« in der Erzählung der nichtjüdischen Nachwelt.

Am 1. Dezember 1913 – nach dem Tod des patriarchalischen Vaters – gab Paul WITTGENSTEIN sein Debüt als Pianist im Großen Musikvereinssaal. Die Musikkritik nahm davon kaum Notiz.

Im August 1914, zu Beginn des Ersten Weltkrieges, wurde er als Leutnant der österreichisch-ungarischen Armee im Osten des Habsburger Reiches schwer verwundet. Sein rechter Arm musste amputiert werden.

Noch während des Weltkrieges begann er erneut seine Karriere, nun aber als »linkshändiger Pianist«. Einarmig debütierte der 29-Jährige am 12. Dezember 1916 im Großen Musikvereinssaal mit Frédéric Chopins c-moll-Nocturne, doch dieses Mal von der Wiener Musikkritik bewundert:

… Nur mit Ausdrücken der höchsten Bewunderung kann man von Paul Wittgenstein sprechen, dem glänzenden Pianisten, der im Krieg seinen rechten Arm verlor und nun mit einer Ausdauer und Energie sondergleichen an die technische Ausbildung seiner linken Hand schritt. Diese meistert er jetzt in so unerhörter Weise, daß man es dem hochmusikalischen, gepflegten Klavierspiel kaum anmerkt, daß es nur mit einer Hand ausgeführt wird.
Für die Wiedergabe der schwierigen C-moll-Nocturne Chopins, an der sehr viele kleine, aber auch häufig große Pianisten zweihändigen Kalibers zu scheitern pflegen, gebührt dem jungen Helden schrankenloses Lob. […] K-r.

Der Morgen. Wiener Montagsblatt, 18. 12. 1916, S. 4

Erstaunlich ist, dass Paul WITTGENSTEIN als »linkshändiger Pianist« schon zu seinen Lebzeiten eine Legende war, überdies populärer als sein jüngerer Bruder Ludwig, der heute weltberühmte Philosoph des »Tractatus« – Paul und Ludwig, ein ungleiches Brüderpaar.

Erzählt wird außerdem, dass Paul WITTGENSTEIN seine ihm eigens für die linke Hand gewidmeten Werke nicht aufzuführen pflegte, wenn sie ihm als zu modern erschienen.

Kritiker attestierten ihm daher einen »rückständigen Musikgeschmack«. Eine derartige Kritik war bei seinen Auftritten in der Mozart- und Festspielstadt Salzburg nicht zu erwarten, da hier ein lokales Publikum den Ton angab, das vor verbalen Attacken gegen die »atonale« Musik nicht zurückschreckte.

Dazu bot Bernhard Paumgartner als Direktor des Mozarteums und Leiter der Salzburger Konzertgemeinde erstmals am 7. Dezember 1926 einen Anlass, als er das Werk Le Poème de l’Extase des russischen Komponisten Alexander Skrjabin im Mozarteum aufführte:

… ein anarchisches Werk von durchaus destruktiver Gesinnung, Nihilismus in Tönen, form- und gestaltlos wie die russische Steppe […].
Salzburger Chronik, 9. 12. 1926, S. 3

Am 11. Oktober 1927 stand kein Neu- oder Zwölftöner auf dem Programm, sondern Erich Wolfgang Korngold, ein zeitgenössischer Komponist, dessen Klavierkonzert für die linke Hand in cis-moll (op. 17) der Widmungsträger Paul WITTGENSTEIN im Mozarteum virtuos zur Aufführung brachte:

Erstes Vereinskonzert der Konzertgemeinde. Im Mittelpunkt des Programmes eine kleine Sensation für Salzburg: Korngolds Klavierkonzert für die linke Hand, am Flügel Paul Wittgenstein. Man weiß, wie der im Krieg durch den Verlust eines Armes betroffene Künstler mit erstaunlicher Energie die pianistische Technik seiner linken Hand ausbildete. Welche Kraft z. B. besitzt der kleine Finger!
Wie können die Bässe dröhnen! Die Zerlegungen rauschen gleich Vorhängen herab, der Daumen vermittelt die weiche Kantilene, und eine virtuose Treffsicherheit läßt die Akkorde in allen Lagen, oben, unten, in der Mitte schier zu gleicher Zeit greifen. Und Korngold, der das Konzert dem Künstler widmete, geht in Harmonik und Zusammensetzung der Klänge bis an die Grenzen der Technik. […] Otto Kunz

Salzburger Volksblatt, 12. 10. 1927, S. 5

Zeitgenössische Musik ließ in den Festspielsommern auf sich warten. Als der US-amerikanische Dirigent Artur Rodzinski am 16. August 1936 im Mozarteum ein philharmonisches Festkonzert gab, schrieb der Wiener Musikkritiker Fritz Deutsch einen erhellenden Artikel über zeitgenössische Musik, die weder neu noch modern war und daher keinen konservativen Hörer zu Bekundungen des Missfallens reizen konnte:

Endlich: ‚zeitgenössische‘ Musik auch in Salzburg! Der Begriff dieses Zeitgenössischen, wie ihn das fünfte Salzburger Konzert der Philharmoniker fasst, lässt weiter und tiefer in das moderne Schaffen blicken als die bisherige Enge eines Horizonts, die im Heutigen eigentlich das Gestrige sucht und Epigonentum mit kompositorischer Fortsetzung der Entwicklungen verwechselt. […]
Und niemand von den zum Teil so konservativen Hörern im Saal des Mozarteums brauchte verzweifelt den Kopf über zeitgenössische Tonkunst zu schütteln, wie sie sich in den Werken der jungen oder der traditionellen Wiener Komponisten Wilhelm Jerger und Franz Schmidt darstellt. […]

Neues Wiener Journal, 18. 8. 1936, S. 11

Der Kritiker Fritz Deutsch wusste offensichtlich nicht, dass der junge Wiener Komponist Wilhelm Jerger, dessen Werk Partita die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Rodzinski aufführten, seit 1932 Nationalsozialist und seit 1933 »Illegaler« war.

1936 konnte freilich niemand wissen, dass Wilhelm Jerger unter dem NS-Regime zum Vorstand der Wiener Philharmoniker avanciert und dass seine Komposition Salzburger Hof- und Barockmusik bei den Salzburger Festspielen 1939 im Mozarteum uraufgeführt wird.

Der wesentlich ältere Komponist Franz Schmidt war kein Nationalsozialist, zählte aber im Jahr 1938 zu den »Anschluss«-Befürwortern. Er vollendete im selben Jahr noch zwei Auftragswerke für Paul WITTGENSTEIN und starb im Februar 1939, ehe er sein nationalsozialistisches Auftragswerk Deutsche Auferstehung vollenden konnte.

Willfährigkeit war zu keiner Zeit etwas Fremdes. Im Festspielsommer 1936 konnte man allerdings noch zeitgenössische Kompositionen hören, die jenseits der Grenze im nationalsozialistischen Deutschland auf dem Index standen.

In der Festspielstadt wusste man es daher zu würdigen, dass der US-amerikanische Dirigent Artur Rodzinski Werke von Isaac Albéniz, Dmitri Schostakowitsch, Igor Strawinsky, Wilhelm Jerger und Franz Schmidt im Mozarteum dirigierte.

Franz Schmidts Konzertante Variationen über ein Thema von Beethoven für Klavier (linke Hand allein) und Orchester fanden wegen des Solisten Paul WITTGENSTEIN besondere Aufmerksamkeit:

… Am Klavier saß einer der bekanntesten Pianisten Wiens, der einarmige Paul Wittgenstein – vornehme Musik aus innerlicher Stimme heraus, mit klarem, poetischem Tonbild.
Salzburger Volksblatt, 17. 8. 1936, S. 9

… Franz Schmidt hat, so wie Richard Strauß für den eminent musikalischen Pianisten Paul Wittgenstein, dem das Schicksal nur die linke Hand zur Verfügung stellen wollte, konzertante Variationen über ein Thema von Beethoven für Klavier (linke Hand) geschrieben.
Es braucht nicht erst betont werden, daß der Künstler, dem jenes geniale Werk zugedacht ist, auch sein denkbar idealer Interpret ist.

Salzburger Chronik, 17. 8. 1936, S. 9

Im März 1938 – ehe die »Nürnberger Rassengesetze« in Österreich in Kraft traten – wurde Paul WITTGENSTEIN als Klavierlehrer aus dem Wiener Konservatorium vertrieben.

Bekannt ist außerdem, dass er mit der um 27 Jahre jüngeren Hilde Schania, einer ehemaligen Klavierschülerin, zwei Kinder hatte: Elisabeth (geb. 1935) und Johanna (geb. 1937).

Es gelang dem noch unverheirateten Paar und seinen beiden Kindern nach Cuba zu reisen. Hilde und Paul WITTGENSTEIN heirateten am 20. August 1940 in Havanna.

Im Februar 1941 emigrierte die Familie in die USA. Am 30. November 1941 kam ihr drittes Kind Louis in New York zur Welt. Paul WITTGENSTEIN gab wieder Klavierunterricht.

Erzählt wird, dass er sich mit seinen in Österreich verbliebenen Familienmitgliedern wegen ihres »Geschäftes« mit den Nazis entzweite und nicht mehr versöhnte.

Paul WITTGENSTEIN, seit 1946 US-Bürger, starb 73-jährig am 3. März 1961 in Manhasset auf Long Island.

Seine Ehefrau Hilde überlebte ihn um vier Jahrzehnte und starb 2001 in den USA.

Nach Österreich zog es nur ihren in New York geborenen Sohn Louis. Er lebte als Kunstmaler in Thumersbach bei Zell am See.

1982 erschien Thomas Bernhards Erzählung Wittgensteins Neffe über die Freundschaft des Autors mit Paul Wittgenstein (1907-1979), einem Neffen des Philosophen Ludwig Wittgenstein.

Dessen Bruder Paul, der linkshändige Pianist, ist längst vergessen. Sein Name existiert nicht einmal im öffentlichen Raum seiner einstigen Wirkungsorte.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

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Stolperstein

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