Olga Zweig

HIER WOHNTE
OLGA ZWEIG
JG. 1885
LEBENSRETTERIN
JUDEN VERSTECKT
1945 BEFREIUNG ERLEBT
Olga Zweig
Olga Zweig

Linzer Gasse 6

Hammer, Franziska Zweig, Olga

Olga ZWEIG, geboren am 9. Jänner 1885 in Wien, Residenzstadt der Monarchie Österreich-Ungarn, war das fünfte von sieben Kindern des Ehepaares Maria und Ernst Zweig. Olgas Vater war Jude, ein Onkel des Schriftstellers Stefan ZWEIG. Olgas Mutter Maria, geborene Brenner, nach ihrer Geburt katholisch getauft, war die Tochter eines katholischen Ehepaares ohne jüdische Wurzeln. Da Olgas Vater Jude und ihre Mutter Katholikin war, wurde ihre Ehe nicht in einer Synagoge oder Pfarre, sondern im Magistrat der Stadt Wien geschlossen. Obschon ihre in Wien geborenen Kinder offiziell keiner Religion angehörten, somit als bekenntnislos galten, wurden Marie und Erwin, die schon im Kindesalter verstorbenen Geschwister Olgas, in der jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs bestattet. Bekannt ist außerdem, dass Olgas Schwester Auguste der jüdischen Gemeinde beitrat, als sie einen Juden, Max Fellner, heiratete. In Österreich war das Religionsbekenntnis auf Dokumenten und Meldescheinen vermerkt, was unter dem NS-Regime fatale Folgen haben konnte: Olgas Geschwister Ernestine, Julie und Maximilian, die als »jüdische Mischlinge 1. Grades« galten, überstanden den rassistischen Terror. Ihre Schwester Auguste, die sich zum Judentum bekannte, wurde jedoch in Theresienstadt ermordet.

Olga ZWEIG, die ledig blieb, seit Jänner 1931 als Pflegerin in Salzburg lebte und arbeitete, hatte keinen unverfänglichen Namen, der landläufig als »arisch« galt. Sie führte den Familiennamen des in Salzburg lebenden Cousins Stefan ZWEIG. Um befürchteten Anfeindungen von antisemitischer Seite zu entgehen, hatte die damals 46-jährige Frau bei ihrer Anmeldung auf dem Meldeschein des Magistrats »katholisch« als Religion eingetragen: amtlicherseits anhand eines vorgelegten Dokuments durch »konfessionslos« ersetzt – anno 1931 eine Routinesache des Meldeamtes und für Olga ZWEIG ohne Konsequenzen. Üblicherweise lassen kleine Leute den illustren Namen eines Verwandten in Gesprächen fallen: Namedropping. Das Gegenteil davon ist Verleugnung, wozu sich Olga ZWEIG als Trägerin eines prominenten Namens, der als jüdisch galt, angesichts des virulenten Antisemitismus gezwungen sah. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ihr Name in der umfangreichen Korrespondenz Stefan ZWEIGs nicht aufscheint und dass offensichtlich in Salzburg kein Kontakt zwischen Cousine und Cousin zustande kam.

Olga ZWEIG war eine zur Verschwiegenheit verpflichtete Pflegemutter. Bei ihr wohnte seit Jänner 1931 ihr an Gehirnlähmung (Cerebralparese) erkranktes Pflegekind Rudi, zeitweise auch Rudis Mutter, von ihrem Ehemann getrennt lebend, und seine jüngere Schwester. Rudis Mutter und Schwester emigrierten schon vor dem Gewaltjahr 1938 nach England. Seine Mutter starb 56-jährig im April 1941 in London an den Folgen eines deutschen Bombenangriffs. Rudis Vater, katholisch konvertierter Jude, der 1938 von Wien nach Prag flüchtete, wurde nachweislich in Auschwitz ermordet. Folglich war Olga ZWEIGs Pflegekind Rudi, der sich nicht selbst erhalten konnte, unter dem NS-Regime in doppelter Hinsicht gefährdet: Er wäre als arbeitsunfähig geltender Spastiker in eine Heilanstalt eingewiesen oder als Jude in ein Konzentrationslager deportiert worden, entweder in Hartheim oder in Auschwitz vergast worden, was nur dank der Fürsorge und der Verschwiegenheit seiner Pflegemutter Olga ZWEIG nicht passierte. Bemerkenswert ist, dass ihre Verschwiegenheit über das Befreiungsjahr 1945 hinaus andauerte, sodass Rudis Herkunft allen Ämtern unbekannt blieb. Olga ZWEIG wollte nicht, dass die Identität ihres Pflegesohnes Rudi, der noch im befreiten Salzburg Anfeindungen ausgesetzt gewesen wäre, gelüftet wird.

Als Stefan ZWEIG seine letzten Werke Die Welt von Gestern und Schachnovelle schrieb und seinem Leben am 23. Februar 1942 im brasilianischen Exil ein Ende machte, war seine Cousine Olga im Polizeigefängnis der »Gauhauptstadt« Salzburg inhaftiert. Glaubhaft ist, dass die Nachricht vom Suizid des weltbekannten Dichters im fernen Petropolis seiner Cousine in ihrer Gefängniszelle am Rudolfsplatz zu Ohren kam, da in der Salzburger Landeszeitung vom 25. Februar 1942 die gehässige Notiz steht:

Selbstmord Stefan Zweigs.
Der jüdische Schriftsteller Stefan Zweig ist mit seiner Frau in Rio de Janeiro unter Umständen erschossen aufgefunden worden, die, wie eine englische Meldung besagt, auf Selbstmord schließen lassen. Damit hat wieder ein jüdisches Emigrantenleben seinen typischen Abschluß gefunden.

Die das Terrorregime überlebende Olga ZWEIG erklärte rückblickend:

Ich bin eine Verwandte des Dichters Stefan Zweig und es ist amtsbekannt, wie verhasst dieser Dichter von Weltbedeutung bei den Nazis war. Um den Verfolgungen zu entgehen, die mir auf Grund dieser Verwandtschaft und auf Grund meiner Abstammung drohten, habe ich versucht, mich als Arierin auszugeben und das hat mir dann erst recht die Verfolgung durch die Nationalsozialisten zugezogen.

Fraglich ist, ob Olga ZWEIG im Mai 1939 bei der »Sonderzählung der Juden« ihre »Abstammung« angab. Ein misslungener Verschleierungsversuch lässt sich aber anhand der im Polizeimelderegister erhaltenen Personenkarte Olga ZWEIGs mit der Rubrik »Abstammung« rekonstruieren: Zunächst wurde Olga ZWEIG als »glaubenslos« geführt, was aber im Februar oder März 1941 durchgestrichen und durch »mosaisch« und »Jüdin« auf der Vorderseite, durch »Volljüdin« auf der Rückseite der Personenkarte ersetzt wurde – somit bewusst falsche Vermerke durch die Meldepolizei auf Hinweis der Gestapo. Dem Namen der zur »Volljüdin« gemachten Frau wurde überdies das stigmatisierende »Sara« hinzugefügt – bürokratischer Niederschlag der Polizeigewalt und Willkür.

Betroffene der Nürnberger Rassengesetze, die ihre »Abstammung« verschwiegen oder falsch deklariert hatten, waren im Falle einer Aufdeckung durch die Gestapo besonders gefährdet: Bekannt ist beispielsweise, dass die Schauspielerin Margarethe ETLINGER, deren Vater ein zum evangelischen Glauben konvertierter Jude war, im November 1941 in das KZ Ravensbrück deportiert und dort ermordet wurde. Olga ZWEIG kam, aus dieser Sicht betrachtet, noch glimpflich davon: Sie wurde am 11. März 1941 wegen Manipulation ihres Geburtsscheines – sie hatte »katholisch« hinzugefügt – von der Gestapo verhaftet, angezeigt, nach 14-monatiger Polizeihaft vom Landesgericht Salzburg wegen »Verbrechens des Betruges« zu einem Jahr Kerker verurteilt und am selben Tag, dem 11. Mai 1942, entlassen, da ihre Strafe verbüßt war. Derweilen war ihr Pflegekind Rudi bei guten und verschwiegenen Freunden außerhalb Salzburgs in Pflege.

In der Annahme, dass Glaubensjuden in stärkerem Maße als Bekenntnislose und Konvertiten gefährdet seien, kam es noch unter dem NS-Regime zu Konversionen oder Beitritten von Bekenntnislosen zur katholischen Kirche. Am 4. Juli 1942 ließ sich Olga ZWEIG 57-jährig in der Stadtpfarre St. Andrä vom Pfarrer Franz ZEISS taufen, wiederum im Glauben, vor weiteren Verfolgungen geschützt zu sein. Olga ZWEIG war allerdings schon in die Fänge der Gestapo geraten, anders ist es kaum zu erklären, dass sie als 60-jährige – gemeinsam mit vier Frauen und den minderjährigen Kindern Berta und Stanislaus – am 14. Februar 1945 vom Polizeigefängnis in Salzburg nach Theresienstadt deportiert wurde: »Sondertransport IV/15e«, befreit am 8. Mai 1945.

Am 13. Juni 1945, nach einmonatiger Quarantäne wegen Flecktyphusgefahr, konnte Olga ZWEIG nach Salzburg heimkehren, wo sie schon ihr Rudi erwartete, für den sie weiterhin zu sorgen hatte, wozu aber finanzielle Mittel fehlten. Seine Pflegemutter nahm sich für ihr Ansuchen um Opferfürsorge einen kundigen Rechtsanwalt, den aus dem Exil zurückgekehrten Dr. Richard Weinberger. Er definierte die 14-monatige Polizeihaft seiner Klientin unter dem NS-Regime als politische Verfolgung – zu Recht und mit dem Erfolg, dass Olga ZWEIG im März 1950 als Opfer im Sinne des § 1 des Opferfürsorgegesetzes anerkannt wurde und sogar die »Amtsbescheinigung« mit Anspruch auf Rentenfürsorge erhielt.

Bis 1964 wohnten Olga ZWEIG und ihr Pflegesohn Rudi, der wiederum Botengänge erledigte, im Haus Linzer Gasse 6, erste Etage1. 1973 starb Rudi 58-jährig in einem Salzburger Altersheim, sieben Jahre nach dem Tod seiner Pflegemutter, deren Grab auf dem Salzburger Kommunalfriedhof mittlerweile aufgelassen wurde, weil für die Erhaltung niemand aufkommen konnte – das Schicksal kleiner Leute. Hochachtung gebührt allerdings der am 5. Februar 1966 81-jährig verstorbenen Olga ZWEIG für ihr lebensrettendes Werk.

1 In der 2. Etage des Hauses Linzer Gasse 6 wohnte die katholische Familie HAMMER, die der Pfarre St. Andrä, ihrem Pfarrer Franz ZEISS und Kooperator Franz WESENAUER nahestand. Unter dem NS-Regime gelang es den beiden Priestern der Stadtpfarre, katholisch konvertierte Juden, die sich auf der Flucht befanden, vor Verfolgung zu schützen, bei vertrauenswürdigen Familien unterzubringen und zu verstecken. Die Familie HAMMER zählte zu den wenigen mutigen katholischen Familien, die verfolgten jungen Menschen eine Zeit lang Unterschlupf boten und ihnen somit ihr Leben retten konnten. Bekannt ist außerdem, dass Frau Franziska HAMMER und Olga ZWEIG eng befreundet waren. Bemerkenswert ist noch, dass die 2. Etage des Hauses Linzer Gasse 6, wo die Familie HAMMER wohnte, gegen Ende des 19. Jahrhunderts den jüdischen Bürgern mangels eines Tempels als Bethaus gedient hatte. Das war eine von Rabbinern, Religionslehrern und Kantoren der kleinen jüdischen Gemeinde in Salzburg gemietete Privatwohnung. Ihre Synagoge konnte bekanntlich erst im Jahr 1901 an der Lasserstraße errichtet werden.

Quellen

Autor:Gert Kerschbaumer

Benachbarte Stolpersteine

Linzer Gasse 5 26m 26m, 326°  Löwy, Ernst
Löwy, Ida
Löwy, Herbert
Dreifaltigkeitsgasse 3 45m 45m, 170°  Bieronski, Josef
Gay, Martin
Manczak, Lech
Dreifaltigkeitsgasse 1 50m 50m, 243°  Jellinek, Johann
Jellinek, Gisela
Dreifaltgkeitsgasse 5 52m 52m, 270°  Köhler, Hermine
Köhler, Max
Königsgässchen 4 62m 62m, 302°  Tischer, Friedrich

Stolperstein

verlegt am 14.11.2016 in Salzburg, Linzer Gasse 6.

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