Julius POLLAK, geboren am 31. März 1878 in Hartmanitz (Hartmanice), Bezirk Klattau (Klatovy), Böhmen, Österreich-Ungarn (jetzt Tschechien), war das jüngste von sechs Kindern des jüdischen Ehepaares Elisabeth, geborene Hahn, und Markus Pollak, Fabrikant und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Hartmanitz in Böhmen.1
Julius POLLAK, der Rechtswissenschaften an der Karl-Ferdinands-Universität in Prag (Praha) studierte, war zunächst Rechtsanwalt in Karlsbad (Karlovy Vary), wo er auch heiratete: Frieda Glaser, Tochter von Therese und Dr. Benno Glaser, Distriktarzt in Hartmanitz, Böhmen.
Das Ehepaar POLLAK hatte eine Tochter: Ilse, geboren am 6. Jänner 1910 in Karlsbad (Karlovy Vary).
1910, in der Friedensära der Monarchie Österreich-Ungarn, ging die Familie nach Salzburg. Hier eröffnete Dr. Julius POLLAK seine Rechtsanwaltskanzlei, zunächst im Haus Getreidegasse 8 und Anfang Juni 1911 in der ersten Etage des Hauses Makartplatz 8 (bekannt als Mozarts Wohnhaus).2
Dr. Julius POLLAK war im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg aktiv und überdies – wie Sigmund Freud notabene – Mitglied der Loge B’nai B’rith.
Beachtenswert ist ebenfalls, dass Dr. Julius POLLAK Berater und Verteidiger von Arbeitern war, außerdem Rechtsvertreter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und Referent ihrer Arbeiterschule im Salzburger Arbeiterheim.
Dr. Julius POLLAK – als »jüdischer Parteiadvokat« attackiert – stand erstmals im November 1923 auf der Boykott-Liste, die der Salzburger Antisemitenbund in seinem Hass-Blatt Der eiserne Besen publizierte – mit dem erklärten Ziel, die Existenz aller Juden in ihrem Lebensort zu vernichten.
Nach dem Zerfall der Monarchie Österreich-Ungarn konnte die Familie POLLAK allerdings ungehindert die Staatsbürgerschaft der Republik Österreich und das Heimatrecht in ihrem Lebensort Salzburg-Maxglan erwerben.
Die Familie POLLAK wohnte im Haus Wiesbauerstraße 12 (seit 1917 im Eigentum des Ehepaares).3
Ihre Tochter Ilse studierte Germanistik an der Universität Wien, promovierte am 17. Juni 1932 zum Dr. phil. (Dissertation über Einflüsse französischer Symbolisten auf Stefan George und seinen Kreis) und heiratete daraufhin Dr. Franz GRÜN, geboren am 14. Mai 1903 in Kremsier (Kroměříž), der an der Universität Wien Rechtswissenschaften studiert hatte.4
Ilse und Franz GRÜN wohnten seit Anfang 1933 in Maxglan, Wiesbauerstraße 9, und bekamen hier am 24. September 1933 einen Sohn mit dem Vornamen Ernst – obendrein mit einem denkwürdigen Geburtsdatum: Es war die letzte Geburt eines jüdischen Kindes vor der Auslöschung der Israelitischen Kultusgemeinde im März 1938.
In Salzburg – seit 1933 an der Grenze zum nationalsozialistischen Deutschland – sollte sich keine jüdische Familie ihres Lebens sicher sein: Nationalsozialisten verübten Sprengstoffanschläge, am 10. Mai 1934 auf das Wohnhaus der Familie POLLAK-GRÜN, Wiesbauerstraße 9 – gezielter Terror gegen sozialdemokratisch gesinnte Juden.
Ihr Wohnort Maxglan hatte – bis zur Zerschlagung der Arbeiterpartei durch den Austrofaschismus – einen sozialdemokratischen Bürgermeister.
Rechtsanwalt Dr. GRÜN, Partner seines Schwiegervaters Dr. POLLAK in dessen Kanzlei am Makartplatz während der österreichischen Diktatur von 1933 bis 1938, war gleichfalls Verteidiger von Sozialdemokraten, überdies von Revolutionären Sozialisten (RSÖ) unter ihrem Salzburger Landesleiter Josef PFEFFER5, dem Hauptangeklagten im Sozialistenprozess am 28. Dezember 1936.
Dr. GRÜN war außerdem aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Salzburg: mit Protesten gegen die Verfolgungen im nationalsozialistischen Deutschland und ebenso gegen antisemitische Aktivitäten in Salzburg – von der lokalen Presse aber nicht wahrgenommen.
Der Judenhass eruptierte unter der nationalsozialistischen Herrschaft: im März 1938 Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte, Vertreibung und Beraubung, Vernichtung ihrer Existenz.6
Recherchen ergeben, dass die Familie POLLAK-GRÜN am 12. März 1938 nach Prag flüchtete, dort Visa und Tickets für Schiffspassagen erhielt, daraufhin nach Genua eilte: Abreise am 15. September 1938, Fahrt auf dem Flüchtlingsschiff Conte Grande über den Äquator nach Südamerika, Ankunft am 2. Oktober 1938 in Montevideo, Uruguay.
Die Familie POLLAK-GRÜN wurde jedoch vom Unglück verfolgt: Am 20. Oktober 1938, bald nach ihrer Ankunft in Montevideo, stirbt dort Julius POLLAK 60-jährig und am 2. Mai 1941 seine Frau Frieda 53-jährig (Cementerio Israelita de La Paz bei Montevideo).
Nach Kriegsende fanden Ilse, Franz und Ernst GRÜN einen anderen Zufluchtsort: Buenos Aires in Argentinien.
Ihre unter dem Nationalsozialismus geraubten Häuser in Salzburg-Maxglan – bis Mai 1945 von der SA-Brigade 98 und SS-Standarte 76 besetzt – mussten 1948 an die in Buenos Aires lebende Erbin Dr. Ilse GRÜN restituiert werden: Häuser, die aber von der Erbin verkauft wurden, weil überlebende Familienmitglieder nicht mehr am Ort ihrer Existenzvernichtung leben wollten.
In den nationalsozialistischen Terrorjahren wurden außerdem die Trauungs- und Geburtenbücher der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg vernichtet – jüdische Identität ausgelöscht.
Ernst GRÜN, der 1933 in Salzburg geborene Sohn des Paares Dr. Ilse und Dr. Franz GRÜN, hinterließ jedoch beachtenswerte Lebensspuren im Exil:
Ernesto GRÜN (GRUEN), Doctor en Derecho y Ciencias Soziales por la Facultad de Derecho de la Universidad Nacional de Buenos Aires, war zweimal verheiratet, hatte vier Kinder und starb 90-jährig am 14. März 2024 in Buenos Aires.
Schließlich ist festzuhalten, dass im öffentlichen Raum der Stadt Salzburg keine Straße existiert, die den Namen Dr. Julius POLLAK oder Dr. Franz GRÜN trägt und ihre engagierte Verteidigung von Arbeitern und verfolgten Sozialisten wie Josef PFEFFER unter dem Austrofaschismus würdigt.
2 Salzburg, Makartplatz 8: vormals Leopold Mozarts Wohnhaus, Eigentum Johann Wibmer, dessen Witwe Anna und Tochter Anna Gildinger; Mai 1938 Einzug Gaufrauenschaft Salzburg, Juni 1939 Stiftung Mozarteum, Haus unter Denkmalschutz.
3 Salzburg-Maxglan, Wiesbauerstraße 12: 1917 Eigentum Ehepaar Frieda und Dr. Julius Pollak, 1938 Beschlagnahme, Enteignung Land bzw. Reichsgau Salzburg (SA-Brigade 98), 1948 Rückstellung an Dr. Ilse Grün, 1957 Verkauf (Grundbuch EZ 655); Salzburg-Maxglan, Wiesbauerstraße 9: 1928 Eigentum Frieda Pollak, 1938 Beschlagnahme, Enteignung NSDAP (Dienststelle SS-Standarte 76), Mai 1945 Jüdisches Komitee (KZ-Überlebende), 1948 Rückstellung an Dr. Ilse Grün, 1957 Verkauf (Grundbuch EZ 830).
4 Dr. Franz Erich Grüns Eltern: Irene, geborene Hajek, und Julius Grün, Wien 8, Josefstädter Straße 69, Schwester Dr. Amalie Grün, geb. 1911 in Wien, Ärztin, 1938 verehelichte Paneth, gest. 2002 in San Antonio, Texas.
5Josef Pfeffer, Landesleiter Revolutionäre Sozialisten, am 28. 12. 1936 zehn Monate Haft, 1938 Volksgerichtshof in Wien 18 Monate Haft, 1940 Deportation in das KZ Sachsenhausen, dort am 28. Februar 1945 ermordet.
6 Hauptverantwortlich für die Existenzvernichtung jüdischer Rechtsanwälte war Dr. Robert Lippert, 1938 kommissarischer Leiter der Rechtsanwaltskammer Salzburg, dann „Reichsgaukämmerer“, 1945 Haft, zuletzt Senatsrat im Magistrat Salzburg.
Quellen
- Israelitische Kultusgemeinden Hartmanitz, Karlsbad, Wien und Salzburg (Geburten- und Trauungsbücher unter dem NS-Regime vernichtet)
- Archiv der Universität Wien (Dr. Ilse Pollak und Dr. Franz Grün)
- Stadt- und Landesarchive Wien und Salzburg (Melderegister, Heimatmatrik, Grundbücher Salzburg-Maxglan EZ 830, 655)
- Widerstand und Verfolgung in Salzburg, Band I, S. 45-48 (Sozialistenprozess, Verteidiger Dr. Franz Grün nicht erwähnt)
- ANNO (Austrian Newspaper Online)
- Centro de Estudios Migratiorios Latinoamericanos (CEMLA)
Stolperstein
verlegt am in Salzburg, Makartplatz 8