Die Brüder Robert und Paul LÖWY, beide gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Salzburg geboren, der eine am 4. Jänner 1898 und der andere am 27. Mai 1899, waren zwei von sechs Kindern des Ehepaares Amalie, geborene Fuchs, und Oswald LÖWY – eine der rund 50 jüdischen Familien, die das »Heimatrecht« der Stadt Salzburg während der Monarchie Österreich-Ungarn erwerben konnten.

Von 1896 bis 1938 – über vier Jahrzehnte – befand sich das Geschäft der Familie Amalie und Oswald LÖWY, Handel mit Kurz-, Wirk- und Spielwaren, im Parterre des Hauses Mirabellplatz 6 – eine Geschäftsadresse, die erstmals im September 1923 auf der Boykott-Liste stand, die der Salzburger Antisemitenbund in seinem Hass-Blatt Der eiserne Besen publizierte, mit dem erklärten Ziel, die Existenz aller Juden in ihrem Lebensort zu vernichten.

Bis Juni 1938 wohnte die Familie LÖWY im gutbürgerlichen Andrä-Viertel, Franz-Josef-Straße 12, 2. Etage – unweit der Synagoge an der Lasserstraße.

Oswald LÖWY, wie sein älterer Bruder Rudolf aktives Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, starb 66-jährig am 15. Jänner 1935, bestattet auf dem jüdischen Friedhof in Salzburg-Aigen (Traueranzeige im Salzburger Volksblatt, 17. Jänner 1935, S. 12).

Sein ältester Sohn Ludwig LÖWY, geboren 1896 in Salzburg, sollte das Geschäft weiterführen. Er hatte aber einen schweren Autounfall, war arbeitsunfähig und starb 42-jährig am 30. Jänner 1939 in einem jüdischen Spital, Wien 9, Seegasse 9.

So geschah es, dass die jüngeren Brüder Paul und Robert LÖWY das Geschäft ihres verstorbenen Vaters am Mirabellplatz übernahmen – Kaufleute mit Familien, deren Trauungen und Geburten in den Büchern der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg registriert sind:

  • Paul und Johanna LÖWY hatten eine Tochter: Margit, geboren am 23. Juni 1924 in Salzburg, somit 14 Jahre jung im Jahr 1938.
  • Robert und Lydia LÖWY hatten einen Sohn: Walter, geboren am 9. April 1931 in Salzburg, somit sieben Jahre jung im Jahr 1938.

Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde die Existenz der Familie LÖWY vernichtet, ihr Geschäft am Mirabellplatz – auf einem Foto des Nationalsozialisten Franz Krieger sieht man einen SA-Mann mit Hakenkreuz-Armbinde, dahinter Paul LÖWY im schmalen Eingang seines Geschäftes und an seiner Auslage das Schild »Judengeschäft« – gewaltsam geschlossen, geplündert und »arisiert«: ein Lokal, das fortan einem Schuster als Werkstätte diente.

Die aus ihren Wohnungen an der Franz-Josef-Straße vertriebenen Mitglieder der Familie LÖWY mussten sich voneinander verabschieden.

Die Mutter Amalie LÖWY, die 44 Jahre in Salzburg lebte, und ihre Söhne sollten sich nie mehr wiedersehen, wie wir im Rückblick wissen.

Im Juni 1938 flüchtete die 63-jährige Witwe Amalie LÖWY zu ihrer Tochter Grete und ihrer Schwester Jenny 1 in die damals noch freie, aber am 15. März 1939 von deutschen Truppen besetzte tschechoslowakische Hauptstadt Praha (Prag).

Praha 10, Královská 81: die letzte Adresse der Amalie LOEWYOVÁ, die 67-jähig im Kriegsjahr 1942 nach Theresienstadt, von dort nach Zamosc deportiert und in einem deutschen Vernichtungslager ermordet wurde – Ort und Datum ihres Todes sind unbekannt.

Gewiss ist jedenfalls, das den Familien Paul, Robert und Emil LÖWY ihre Flucht nach Kolumbien gelang. 1938 gründete Emil LÖWY, Absolvent der Technische Hochschule Wien und Chemiker der österreichischen Gummiwerke Semperit bis zu seiner Flucht, in Barranquilla an der Karibik die Firma Sempertex für Ballons, heute weltweit florierend.

Die Familien Paul und Robert LÖWY blieben nicht in Kolumbien, sie entschieden sich für einen Lebensort in den USA: Portland im US-Bundesstaat Oregon am Pazifik, wo sie im Jahr 1954 die US-Bürgerschaft erhielten.

Paul LÖWY starb 75-jährig am 27. November 1974 in Wenatchee (Cemetery River View in Portland). Sein Bruder Robert LÖWY starb 80-jährig am 1. März 1978 in Portland (Cemetery Neveh Zedek).

Das Grab ihres 1935 in Salzburg verstorbenen Vaters Oswald LÖWY existiert nicht mehr – unter dem nationalsozialistischen Regime vernichtet, desgleichen die Bücher der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg mit den registrierten Geburten von Margit und Walter LÖWY.

Dank der Initiative des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Marko Feingold, Herausgeber des Buches Ein ewiges Dennoch: 125 Jahre Juden in Salzburg, wurden vertriebene Jüdinnen und Juden im August 1993 nach Salzburg eingeladen.

Unter den Gästen befanden sich Paul LÖWYs 90-jährige Witwe Johanna (Hansi), ihre 1924 in Salzburg geborene Tochter Margit (Ehename Comer), ihr Cousin Walter, der 1931 in Salzburg geborene Sohn des verstorbenen Paares Lydia und Robert LÖWY, seine Frau Suzanne Ruth und ihre Kinder Lisa Sandra und Brian Philip – drei Generationen – aus ihrem Lebensort Portland, Oregon.

Im Sommer 2011 war Kenneth, ein Sohn des 1980 in Barranquilla verstorbenen Dipl.-Ing. Emil LÖWY, mit seiner Familie zu Besuch in Salzburg: eine Begegnung am geraubten Lebensort seiner Familie: Mirabellplatz 6 und Franz-Josef-Straße 12, wo seit Juni 2009 ein Stolperstein für Amalie LÖWY liegt.

Die ersten Stolpersteine verlegte der Künstler Gunter Demnig im August 2007 in Anwesenheit des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg Marko Feingold und seiner Frau Hanna vor dem Haus Linzer Gasse 5: für Oswald LÖWYs Neffen Ernst LÖWY, für seine Frau Ida und ihren Sohn Herbert, ermordet in Auschwitz.

1 Amalie Löwys Schwester Jenny Nalos, geborene Fuchs, die mit ihrer Familie bis 1929 in Salzburg lebte, Eigentümerin des Hauses Franz-Josef-Straße 12 war, ist ebenfalls unter den Shoah-Opfern (Tod am 9. Dezember 1942 in Theresienstadt). Amalie Löwys Tochter Grete Allina überlebte die Shoah, jedoch nicht ihr Ehemann Ernst Allina und ihre Tochter Helga, beide in Lodz ermordet.

Quellen

  • Israelitische Kultusgemeinden Linz (Geburtenbücher), Wien (Juni 1938 Anträge „Auswanderung“) und Salzburg (Geburten- und Trauungsbücher unter dem NS-Regime vernichtet)
  • Standesamt Buttenwiesen (Familie Julia und Ludwig Fuchs)
  • Stadt- und Landesarchive Wien und Salzburg (Melderegister, Gewerbeakten, Heimatmatrik, Fotoarchiv Franz Krieger
  • Arolsen Archives, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes und Yad Vashem (Shoah-Opfer)
  • Marko M. Feingold (Hg.): Ein ewiges Dennoch. 125 Jahre Juden in Salzburg, Wien 1993
  • Gert Kerschbaumer: Geschichte schreiben nach Auschwitz, in: Die Gemeinde, offizielles Organ der IKG Wien, Nr. 428, 6. 10. 1993
  • Informationen Kenneth Löwy, Barranquilla, Kolumbien
Autor: Gert Kerschbaumer

Stolperstein
verlegt am in Salzburg, Mirabellplatz 6

Alle Stolpersteine: Mirabellplatz 6